Der folgende Beitrag ist für alle Eltern, ehemal. Lehrer d, etc. die Glauben, ich würde nur Mist machen. Zumindest mit großen Namen und ihren Schriften quäl ich mich. Der Text entstant als “Essayanalyse” für die Vorlesung Sprachkunst und Literatur:
Kampf mit Theodor Wiesengrund
Weißer König und schwarzer Turm stehen sich gegenüber, mit grünem Filz an den Füßen und auf hellem, lackiertem Holz. Unbeweglich, trotz endloser Anzahl von Möglichkeiten; aber keiner weiß, wer am Zug ist.
Der schwarze Turm oder der weiße König:
Theodor W. Adorno.
Schwarz und Weiß treffen aufeinander, Turm und König stehen sich gegenüber und wissen nicht, ob der Andere zu schlagen ist. Wissen nicht, wie der Andere zu schlagen ist. Ein Schachspiel ohne Ende; kein Sieg, keine Niederlage, kein Remis vor Augen, verharren die Spieler im Denken:
Ist jener der Sieger, der mutig zuerst zieht, überzeugt ob seiner Stärke? Oder ist jener der Sieger, der ruhig darauf wartet, dass der Gegenüber seinen Zug tut und damit den Fehler begeht?
Ein unverständliches Spiel nach verständlichen Regeln – die Auseinandersetzung der Worte:
45. Wie scheint doch alles Werdende so krank.
Weiß denkt:
Das dialektische Denken widersetzt sich der Verdinglichung auch in dem Sinn, daß es sich weigert, ein Einzelnes je in seiner Vereinzelung und Abgetrenntheit zu bestätigen: es bestimmt gerade die Vereinzelung als Produkt des Allgemeinen
Schwarz denkt:
Es gibt nichts Einzelnes und nichts Ganzes.
Das Einzelne ist nur, weil es das Ganze gab. Das Ganze ist die Summe des Einzelnen. Keines von Beiden wäre ohne das Andere.
Der Sieg des Königs wäre nichts, ohne die Niederlage des Turms. Der Turm allein auf dem Schachbrett wäre nichts.
Schlägt der Eine den Anderen, und ist damit der Einzige, der Gewinner, so ist er doch nur einzeln, weil er aus dem Allgemeinen, dem Spiel der Figuren, als Sieger hervorgegangen ist. Der Glanz des Siegers ist das Produkt der Auseinandersetzung, ohne diese und ohne die Existenz des Verlierers, gäbe es keinen Sieger.
Weiß denkt:
So arbeitet es [das dialektische Denken] als Korrektiv gegen die manische Fixiertheit wie gegen den widerstandslosen und leeren Zug des paranoiden Geistes, der das absolute Urteil mit dem Preis der Erfahrung der Sache bezahlt.
Schwarz denkt:
Nur wenn wir kämpfen, wenn sich die Gedanken duellieren, können wir gewinnen. Das einfache Ausprobieren würde uns zwar eine Erfahrung lehren, niemals aber würden wir den Grund von Sieg oder Niederlage erfahren. Das einmalige Ergebnis des Versuchs würde zum Vorurteil gelangen, ohne, dass wir verstehen würden, warum es so gekommen ist.
Weiß denkt:
Aber darum ist Dialektik doch nicht, wozu sie in der englischen Hegelschule und dann vollends im angestrengten Pragmatismus Deweys wurde, sense of proportions, das Einstellen der Dinge in ihre rechte Perspektive, der einfache, aber hartnäckige gesunde Menschenverstand.
Schwarz denkt:
Wir denken nicht nur um der Erkenntnis willen, sondern wir denken um das Spiel zu gewinnen. Lohnt sich das Denken also für den, der verliert? Der weiße König sagt ja, Dewey sagt nein. Wir können das Denken und unseren Geist als Waffe im Kampf um den Sieg benutzen, oder wir können unser ganzes Dasein auf das Denken, auf den Konflikt, ausrichten. Bestimmen wir unsere Wesen durch den Sieg oder durch die Auseinandersetzung?
Weiß denkt:
Wenn Hegel im Gespräch mit Goethe solcher Auffassung selber nahezukommen schien, indem er seine Philosophie gegen den Goetheschen Platonismus damit verteidigte, daß sie »im Grunde nichts weiter« sei, »als der geregelte, methodische ausgebildete Widerspruchsgeist, der jedem Menschen innewohnt, und welche Gabe sich groß erweist in Unterscheidung des Wahren vom Falschen«, so enthält die hintersinnige Formulierung eulenspiegelhaft im Lobe des »jedem Menschen Innewohnenden« zugleich die Denunziation des common sense, zu dessen innerster Bestimmung es gemacht wird, gerade nicht vom common sense sich leiten zu lassen, sondern diesem zu widersprechen.
Schwarz denkt:
Michael Nyman ist großartig. Er lässt das Duell der Streicher und Bläser in einer alles erklärenden Harmonie gipfeln. In der Musik ist es egal, ob der Weg oder das Ziel von Bedeutung ist. Die repeat-Taste macht es möglich.
Der gesunde Menschenverstand lässt mich solang denken, bis ich den Schlüssel zum Sieg finde. Nun soll es aber die Bestimmung des gesunden Menschenverstandes sein, eben diesem »gesunden Menschenverstand« nicht zu folgen, sondern diesem zu widersprechen.
Der gesunde Menschenverstand, der ausgebildete Widerspruchsgeist, ist aber nicht zum Widerspruch verpflichtet: Er erweist sich als groß, in der Unterscheidung des Wahren vom Falschen. Ist diese Unterscheidung gemacht, gilt es, nur noch dem Falschen zu widersprechen.
Ziel ist es also nicht, den Spielsieg auszukämpfen, sondern zu wissen, wer der Sieger ist. Ziel ist nicht der Sieg, nicht die Auseinandersetzung; Ziel ist es DARÜBER zu wissen.
Weiß denkt:
Common sense, die Einschätzung der richtigen Verhältnisse, der am Markt geschulte, weltläufig geübte Blick, hat mit der Dialektik die Freiheit von Dogma, Beschränkung und Verranntheit gemein.
Schwarz denkt:
Ich muss ÜBER alles wissen, sowohl mit dem gesunden Menschenverstand, als auch mit der Dialektik. Ich muss mit ihnen wissen und über sie wissen.
Sowohl das logische, als auch das widersprüchliche Denken halten mich davon ab, den Zug zu ziehen, den ich schon immer gezogen habe. Der denkende Schachspieler, egal ob nach gesundem Menschenverstand oder nach der Dialektik, denkt über jeden Zug nach und ist damit erhaben über den Fehler des Dogma, der Beschränkung, der Verranntheit.
Weiß denkt:
Seine Nüchternheit gibt ein unabdingbares Moment von kritischem Denken ab
Schwarz denkt:
Weißer König und schwarzer Turm kämpfen gemeinsam gegen ihre eigene Überflüssigkeit, und doch kämpfen sie gegeneinander. König und Turm schlagen sich nicht und geben den Kampf nie auf. Weder der Sieg wird beschlossen, noch der Kampf abgebrochen. Das Ziel des dialektischen Denkens ist die Fortsetzung des Kampfes, das Unentschieden bleiben, ohne unentschieden zu sein.
Weiß denkt:
Aber der Verzicht auf verblendeten Eigensinn ist doch auch wiederum dessen geschworener Feind.
Schwarz verzweifelt:
Es ist doch nichts trivialer als die Einsicht in die eigene Unfehlbarkeit. Nur indem ich mich zum Mittelpunkt der Welt und allen Denkens mache, bin ich fähig zu denken. Nur der Totalitätsanspruch meines Denkens lässt überhaupt Dialektik zu. Alles andere, das bescheidene Denken, so gescheit es auch sein mag, muss doch daran scheitern, das es sich selbst relativiert. Wenn ich dialektisch denke, mit mir als Zentrum, brauche ich mich selbst nicht zu relativieren – das Gegenteil meiner Position ist bereits ein Teil dieser.
Weiß:
Die Allgemeinheit der Meinung, unmittelbar angenommen als eine in der Gesellschaft, wie sie ist, hat zum konkreten Inhalt notwenig das Einverständnis.
Schwarz denkt:
Wichtig in der Auseinandersetzung ist die Gleichheit der Waffen, die Einigung auf gleiche Regeln, gleiche Begriffe. Das Matt bedeutet genau so das Ende der Partei wie das Remis. Darüber sind wir uns einig, auch darüber, dass nur einer von beiden es herbeiführen kann. Nur, wie wir dazu kommen, was das Ende ist, bleibt Denken.
Weiß denkt:
Es ist kein Zufall, daß im neunzehnten Jahrhundert gerade der abgestandene und durch die Aufklärung mit schlechtem Gewissen versetzte Dogmatismus auf den gesunden Menschenverstand sich berief, so daß ein Erzpositivist wie Mill gezwungen war, gegen diesen zu polemisieren.
Schwarz:
Ökonomisch betrachtet wäre als also sinnvoll, sich auf einen gesunden Menschenverstand zu besinnen, denn dieser ist zumindest dem Dogmatismus überlegen. Dieser sagt, meine Chancen zu siegen liegen bei 50 Prozent.
Weiß denkt:
Der sense of proportions vollends bezieht sich darauf, daß man in den Maßverhältnissen und Größenordnungen des Lebens denken soll, die feststehen.
Schwarz denkt:
„Verfolge einen Gedanken sieben Sätze lang. Wenn das gelingt, läßt er sich weiter verfolgen.“ 1
Weiß denkt:
Man muß nur einmal einen hartgesottenen Repräsentanten einer herrschenden Clique haben sagen hören: »Das ist nicht so wichtig«, muß nur beobachten, wann die Bürger von Übertreibung, Hysterie, Narretei reden, um zu wissen, daß es gerade an der Stelle, an der die Berufung auf Vernunft am promptesten eintritt, unweigerlich um die Apologie der Vernunft geht.
Schwarz denkt:
Wenn es die Vernunft also schon nötig hat, dass sie verteidigt werden muss, dann ist es um sie geschehen. Wenn es also schon darum geht, wer gewinnt, haben wir beide verloren. Das ist die Logik…, so macht denken Spaß.
Weiß denkt:
Den gesunden Widerspruchsgeist hat Hegel mit der Dickköpfigkeit des Bauern hervorgehoben, der jahrhundertelang lernte, Jagd und Zins der mächtigen Feudalherren zu überstehen.
Schwarz lacht:
Nun, die Bauern sind alle tot. Nur noch König und Turm auf dem Feld. Die Dickköpfigkeit ist also nicht der Garant des Sieges, ihre Niederlage aber noch lange nicht die Verurteilung des grundsätzlichen Widerspruchs.
Weiß denkt:
Das Anliegen der Dialektik ist es, den gesunden Ansichten, die später Gewalthaber von der Unabhängigkeit des Weltlaufs hegen, ein Schnippchen zu schlagen und in ihren »proportions« das treue und reduzierte Spiegelbild der unmäßig vergrößerten Mißverhältnisse zu entziffern.
Schwarz denkt:
Die Aufgabe und der Sinn des dialektischen Denkens besteht also darin, auch den logischen Sieg als Niederlage anzunehmen und zu bedenken. Gleiches gilt umgekehrt: eine notwendig erscheinende Niederlage muss auch so überdacht werden, als wäre sie ein Sieg.
Weiß denkt:
Die dialektische Vernunft ist gegen die herrschende die Unvernunft: erst indem sie jene überführt und aufhebt, wird sie selber vernünftig.
Schwarz denkt:
Nur so – im unvernünftigen Denken – kann ich vernünftig sein.
Weiß denkt:
Wie verrannt und talmudistisch war schon, mitten in der funktionierenden Tauschwirtschaft, die Insistenz auf den Unterschied der vom Arbeiter verausgabten Arbeitszeit und der zur Reproduktion seines Lebens notwendigen.
Schwarz denkt:
Es gibt keinen Vergleich, der das Denken darstellen kann. Kein Schachbrett, keine Arbeiter.
Weiß denkt:
Wie hat nicht Nietzsche alle Pferde am Schwanz aufgezäumt, auf denen er seine Attacken ritt, wie haben nicht Karl Kraus, Kafka, selbst Proust, jeder auf seine Weise das Bild der Welt befangen verfälscht, um Falschheit und Befangenheit abzuschütteln.
Schwarz denkt:
Bin ich dann endlich durch mein dialektisches Denken zu einem Schluss gekommen, und das ist schließlich doch Ziel allen Denkens, scheint es nötig dieses Denken nicht zu vermitteln, sondern die Konsequenz dieses Denk-Schlusses in einer nicht dialektischen Form zu transportieren.
Um bei hinkenden Vergleichen zu bleiben: Der Boxer lässt sich nur mit einem Faustschlag besiegen, der schwarze Turm wird sich nie vom dialektischen Gedanken seines Gegners matt setzen lassen. Es brauch immer der logisch scheinenden Handlung.
Weiß denkt:
Vor den Begriffen des Gesunden und Kranken, ja den mit ihnen verschwisterten des Vernünftigen und Unvernünftigen selber vermag Dialektik nicht halt zu machen.
Schwarz denkt:
Die Dialektik muss, kann und ist in letzter Form auch in der Lage sich selbst zu überdenken.
Weiß denkt:
Hat sie einmal das herrschende Allgemeine und seine Proportionen als krank – und im wörtlichsten Sinn, gezeichnet mit der Paranoia, der »pathischen Projektion« – erkannt, so wird ihr zur Zelle der Genesung einzig, was nach Maß jener Ordnung selber als krank, abwegig, paranoid – ja als »verrückt« sich darstellt, und es gilt heute wie im Mittelalter, daß einzig die Narren der Herrschaft die Wahrheit sagen.
Schwarz denkt:
Ist ein dialektischer Gedanke zu seinem Schluss gekommen, so kann er nur durch die unbedingte Annahme seiner Falschheit umstoßen werden.
Ich werde den weißen König gewinnen lassen; das ist mein Schluss. Und ich werde erst in einiger Zeit zum nächsten Duell antreten, mit der unbedingten Annahme, ihn dann zu besiegen. Ich weiß nicht, ob ich ihn heute hätte schlagen können, wenn doch wäre es fatal, wenn nicht gar falsch gewesen. Die Konsequenz meiner Niederlage lässt mich auf größere Spiele hoffen, als die Selbstgefälligkeit eines Sieges.
Weiß denkt:
Unter diesem Aspekt wäre es die Pflicht des Dialektikers, solcher Wahrheit des Narren zum Bewußtsein ihrer eigenen Vernunft zu verhelfen, ohne welches sie freilich untergehen müßte im Abgrund jener Krankheit, welcher der gesunde Menschenverstand der anderen mitleidlos diktiert. – Matt
Nachträgliche Zueignung:
Es kann nicht das Ziel des Denkens sein, unverständlich zu bleiben, aber es kann auch nicht das Ziel sein, nicht zu verstehen:
Ist es also die Kunst des Siegers verständlich zu sein, oder ist es die Schuld des Verlierers nicht zu verstehen? Darüber gilt es zu denken.
Unwesentlich in jedem Fall, wie das Spielfeld des Denkens aussieht. Unwesentlich, wie die Spiele davor, die Spiele danach ausgehen. Unwesentlich, die Größe und Anzahl der Schachfelder, die Beschaffenheit der Figuren, die Dynamik der Züge all das ist banal im Angesicht ihrer Bedeutung, oder ihrer Nicht-Bedeutung.
Wie scheint doch alles Werdende so krank!
Ein Fieberhauch um einen Weiler kreist;
Doch aus Gezweigen winkt ein sanfter Geist
Und öffnet das Gemüte weit und bang.
Ein blühender Erguß verrinnt sehr sacht
Und Ungebornes pflegt der eignen Ruh.
Die Liebenden blühn ihren Sternen zu
Und süßer fließt ihr Odem durch die Nacht.
So schmerzlich gut und wahrhaft ist, was lebt;
Und leise rührt dich an ein alter Stein:
Wahrlich! Ich werde immer bei euch sein.
O Mund! der durch die Silberweide bebt. 2
1 Elias Canetti Aufzeichnungen
2 Georg Trakl
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