26
Sep
08

…beißen nicht

Hintenrum oder nicht? Ist ein Blog nun besonders öffentlich und mutig, oder ein peinliche und feige Möglichkeit zur Artikulation für all jene, die sich nicht anders artikulieren können?

Im Moment halte ich Blogs schlicht für einen von vielen Kommunikationswegen,

Aber darüber lass ich mit mir streiten.

Wenn man mit mir streitet.

Als ich vor drei Monaten einen Beitrag über meine suboptimalen Mitstudenten, ihre Langweile und die mögliche Schuld der Professoren daran geschrieben habe, ist es teilweise zu einer spannenden Diskussion gekommen. (Und ich wurde zum Teil eines Besseren belehrt)

Geschätzte Kollegen empörten sich zurecht über meinen fehlenden Respekt, Absolventen wunderten sich über die Konstanz menschlicher Schwächen und ein Professor freute sich über die öffentliche Diskussion.

Dass dabei die Idee des gemeinsamen Lernens untergegangen ist, und erst später in einem persönlichen Gespräch diskutiert wurde, zeigt sicher eine Schwäche des Blogs. Es fehlt die unmittelbare Möglichkeit Diskussionen zu „lenken“.

Eine weitere Schwäche liegt in der Leichtfertigkeit der Äußerung. In einen Computer schreibt es sich sicher leichter von „gescheiterten Existenzen“ und „Pädagogen/Wissensch[a]ftlern die irgenwie daran gescheitert sind, die Welt zu verändern, uns aber dabei helfen wollen, es zu lernen.“

Ja, es ist einfacher.

Und es ist sicher falsch. Sowohl Inhalt, als auch die Formulierung sind sicher situativ entstanden und übertrieben.

Eine verbale Beleidigung, obwohl unspezififisch, hat dazu geführt, dass nicht nur der Gegenstand der Diskussion verloren ging, sondern von Einzelnen auch darüber nachgedacht wurde, juristisch gegen Kommentar und Verbreiter (also mich) vorzugehen.

Dass ich nicht direkt darauf angesprochen wurde, ist in meinen Augen ein große Schwäche der Vertreter, die sich für die reine und direkte Kommunikation aussprechen.

Dass, trotz Erfolgsaussichten, nun auf eine Klage verzichtet wird, eine großere Stärke.

Ich verstehe die nun ausbleibenden juristischen Konsequenzen, und die darum geführten Diskussion, als Verständnis gegenüber dieser öffentlichen Form der Kommunikation und als klare Absage gegen verbale Angriffe.

Ich hoffe, es wird auch in Zukunft möglich sein, Kritik, intern und öffentlich, zu äußern. Es muss auch möglich sein, sowohl über Inhalte und Form der Kritik zu sprechen. Ich verlange sicher keine bloggenden Professoren, aber ich verlange kommunikative Professoren. Das darf ich an meinem Studiengang erwarten. Wir sollen zu kritischen Journalisten erzogen werden, aber bitte konsequent.

Ich möchte nicht das Gefühl von Misstrauen haben, wenn ich Kollegen auf dem Gang begegne, ich will mich nicht zur kritischen Meinungsäußerung erziehen lassen, wenn diese nur auf „die Anderen“ gerichtet sein darf und ich will nicht das Gefühl haben, dass Professoren die Diskussion über die Form scheuen, weil dann auch über den Inhalt diskutiert werden müsste.

Viele von meinen Sorgen haben sich gelegt. Nicht alle, denn verschenktes Potential halte ich für ein großes Übel.

Für mich und diesen Blog gilt weiter:

Kritik:ja

öffentlich: auch

Beleidigungen: gerade in diesem Medium muss wohl sensibler mit Tiraden umgegangen werden, als im Dialog. Es liest sich sicher besser und steigert die Klickzahlen, aber die persönliche Beleidigung ist eigentlich eh ein viel zu feines Mittel des Ausdrucks, als es in einem Blog zu verschwenden.

Was nicht heißt, dass sie nicht manchmal notwendig ist…

Aber wie gesagt, wir können über alles streiten. Hier und im Café.

ach, ja andere haben auch probleme: ZEIT online

und die Ergänzung der Überschrift: ein paar Worte des Schneeengels


5 Antworten zu “…beißen nicht”


  1. 29. September 2008 um 1:51

    das mit den erfolgsaussichten bezüglich einer klage meinst du doch hoffentlich nicht ernst? aber recht eigentlich absurd ist allein schon der gedanke, dass diese möglichkeit überhaupt in betracht gezogen wurde. “journalistik-uni verklagt kritischen studenten”, wär an sich schon eine tolle schlagzeile.

    ok, ich kenne die zustände an dieser universität nicht, aber wenn allein ein solch harmloser blogeintrag einen solchen wirbel auszulösen vermag, muss eine ganze menge im argen liegen.

  2. 29. September 2008 um 7:04

    Hi Pu
    folgendes Zitat habe ich kürzlich im NEtz gefunden:

    “Kritik wird nicht honoriert. Erwarte das nicht. Bestenfalls können die anderen nichts dagegen machen, daß du kritisierst. Schlimmstenfalls kann es dich alles kosten. Hier im gegenwärtigen Deutschland ist Kritik noch relativ preiswert zu haben, Gott sei dank, aber nicht kostenlos!”

    Also nimm es dir nicht zu schwer, wenn du aneckst, wenn niemand mehr aneckt sind wir nur noch runde Murmeln die ziel- und sinnlos durch die Weltgeschickte kuller.

  3. 30. September 2008 um 10:54

    Nettes Zitat, trotzdem: so langsam steig ich hinter das eigentliche Problem. Es wird nicht grundsätzlich die Kritik abgelehnt.
    Das Problem besteht im Medium. Einige Profs fühlen sich damit übergangen, weil ich an ihnen vorbei kritisiere. dazu nochmal: als erstes kritisiere ich (immer noch) meine Kollegen.
    Und es wirklich nciht fair, in einem Blog über “Nicht-Blogger” zu schimpfen.
    Das ist deutlich geworden und ein großes Problem.
    In meinem Blog und im Web allgemein.

    @pu: von wem? – außerdem, der Quader im Glas der runden Murmel ist schnell als Querulant zu verstehen

  4. 4 heinzwittenbrink
    1. Oktober 2008 um 12:01

    Vielleicht fühlen sich einige meiner Kollegen übergangen. Man kann es aber auch anders beschreiben: Sie verweigern sich einer Form der Kommunikation – Blogs, soziale Medien, Webkommunikation – die man nicht mehr als “exotisch” oder “subversiv” abtun kann. An unserem Studiengang werden Kommunikationsprofis ausgebildet, und die können von den Lehrenden durchaus fordern, sich mit – nicht mehr ganz – neuen Formen der Kommunikation intensiv und auch praktisch auseinanderzusetzen.

    Niemand muss bloggen – aber einen Kommentar im Blog eines Studenten zu schreiben, wenn man sich angegriffen fühlt, ist auch für Gegner des Web 2.0 nicht ehrenrührig. Es trägt zum akademischen Diskurs bei – interne Diskussionen darüber, was “erlaubt” oder “akzeptabel” ist, verpuffen dagegen.


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