In Anbetracht des leider ausgefallenen kaffeeSATZes, muss ich irgendwo hin mit der Energie. Sie werden entschuldigen, dass ich nicht nur beim Spiegel geblieben bin.
„Das Volk twittert die Freiheit“ scheibt der SPIEGEL diese Woche in seiner Titelgeschichte zum Iran und ruft „Die digitale Revolution“ aus. Twitter erlebt seinen Hype, während das Service selbst schon ein alter Hut ist; positivistisch kann gern auch „Alltagsrealität“.
Inzwischen sind die 140 Zeichen die jeder mit beliebigen Umfang, Inhalt und einer selbst zugelegten Identität ins WorldWideWeb trällern kann, allgemein bekannt.
Instanzen wie die Tagesschau berichten über die „Twitterrevolution“ im Iran, selbsternannte Qualitätszeitungen wie die Presse berufen sich auf die Informationen einzelner Twitterer („persiankiwi“) und der schon eingangs erwähnte SPIEGEL schreibt darüber, wie wichtig die Informationsverbreitung via Twitter ist, verpixelt aber den Usernamen des eh schon bekannten „persiankiwi“. (Von dem wir hoffen, dass seine Twitterabstinenz seit dem 24. Juni keine schlimmeren Gründe hat).
Doch auch wenn Twitter anscheinend die einzige Quelle ist, können wir den Iran nicht durch die Lektüre von „Twitter-News“ verstehen. Wir können, mit etwas Glück und gutem Englisch eine Ahnung davon bekommen, was in Teheran passiert.
Ich bin ja auch begeistert, dass zahlreiche europäische User ihre „Location“ auf „Teheran“ geändert haben. Meine letzte Hoffnung ist, dass dahinter die naive Motivation steckt, wirkliche Teheraner vor der Suche der Regimetreuen zu schützen.
Nächste Solidaritätsaktion: Das „Green Overlay“, jeder Twitterer hat ein Profilbild und kann dieses mit wenigen Mausklicks in grüne Farbe tauchen. Das sieht nicht gut aus, macht den zahlreichen Iranern die im Moment deren „Updates“ folgen aber sicher jede Menge Mut. Wie blöd diese simpelste Form des politischen Engagements ist, fällt schwer in Worte zu fassen. Vielleicht genügt eine kurze Erinnerung an „Free Tibet“, auch da zierte das Logo der Bewegung zahlreiche Twitteraccounts und jetzt weiß schon kaum einer mehr, wo Tibet eigentlich liegt. Geschweige denn, den Namen der Hauptstadt.
Wem der Vergleich nicht reicht, der stelle sich die Frage, wie groß der Aktionismus und die Solidarität ist, die über das einfärben des eigenen Konterfeis hinaus geht.
Wenn dann jemand twittert „dolles ding: nach drei jahren hat jetz mein netzteil jetzt einen wackelkontakt“, dann sind wir schon froh, dass zumindest beim Profilbild der Iraner gedacht wird, deren Land gerade von einem politische Wackelkontakt im Kopfe von Ajatollah Ali Chamenei und Mahmud Ahmadinedschad beschäftigt wird.
Ich lasse mir gern Tatenlosigkeit vorwerfen, aber ich gehe lieber mit einem unsolidarischen Profilbild durch die Welt und habe ob meiner Tatenlosigkeit ein schlechtes Gewissen, als mit dem grünen Heiligenschein über dem Gesicht zufrieden, dumm und glücklich zu sein.
P.S. Das war, nun ja, kein Bericht mehr, aber ein WebWatch (oder WebWatsche) für das FAZIT (Achtung: print!).
Das in der Webcommunity eh alle super sind is ja klar: „Jetzt endlich entfaltet sich die revolutionäre Kraft des Internet [...] Worüber jahrelang nur theorisiert wurde, ist in Iran Realität geworden“ – Norbert Bolz. SPIEGEL Nr. 26 s. 116.
Schöne Revolution.
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