26
Jun
09

Twitterscheiss

In Anbetracht des leider ausgefallenen kaffeeSATZes, muss ich irgendwo hin mit der Energie. Sie werden entschuldigen, dass ich nicht nur beim Spiegel geblieben bin.

„Das Volk twittert die Freiheit“ scheibt der SPIEGEL diese Woche in seiner Titelgeschichte zum Iran und ruft „Die digitale Revolution“ aus. Twitter erlebt seinen Hype, während das Service selbst schon ein alter Hut ist; positivistisch kann gern auch „Alltagsrealität“.

Inzwischen sind die 140 Zeichen die jeder mit beliebigen Umfang, Inhalt und einer selbst zugelegten Identität ins WorldWideWeb trällern kann, allgemein bekannt.

Instanzen wie die Tagesschau berichten über die „Twitterrevolution“ im Iran, selbsternannte Qualitätszeitungen wie die Presse berufen sich auf die Informationen einzelner Twitterer („persiankiwi“) und der schon eingangs erwähnte SPIEGEL schreibt darüber, wie wichtig die Informationsverbreitung via Twitter ist, verpixelt aber den Usernamen des eh schon bekannten „persiankiwi“. (Von dem wir hoffen, dass seine Twitterabstinenz seit dem 24. Juni keine schlimmeren Gründe hat).

Doch auch wenn Twitter anscheinend die einzige Quelle ist, können wir den Iran nicht durch die Lektüre von „Twitter-News“ verstehen. Wir können, mit etwas Glück und gutem Englisch eine Ahnung davon bekommen, was in Teheran passiert.

Ich bin ja auch begeistert, dass zahlreiche europäische User ihre „Location“ auf „Teheran“ geändert haben. Meine letzte Hoffnung ist, dass dahinter die naive Motivation steckt, wirkliche Teheraner vor der Suche der Regimetreuen zu schützen.

Nächste Solidaritätsaktion: Das „Green Overlay“, jeder Twitterer hat ein Profilbild und kann dieses mit wenigen Mausklicks in grüne Farbe tauchen. Das sieht nicht gut aus, macht den zahlreichen Iranern die im Moment deren „Updates“ folgen aber sicher jede Menge Mut. Wie blöd diese simpelste Form des politischen Engagements ist, fällt schwer in Worte zu fassen. Vielleicht genügt eine kurze Erinnerung an „Free Tibet“, auch da zierte das Logo der Bewegung zahlreiche Twitteraccounts und jetzt weiß schon kaum einer mehr, wo Tibet eigentlich liegt. Geschweige denn, den Namen der Hauptstadt.

Wem der Vergleich nicht reicht, der stelle sich die Frage, wie groß der Aktionismus und die Solidarität ist, die über das einfärben des eigenen Konterfeis hinaus geht.

Wenn dann jemand twittert „dolles ding: nach drei jahren hat jetz mein netzteil jetzt einen wackelkontakt“, dann sind wir schon froh, dass zumindest beim Profilbild der Iraner gedacht wird, deren Land gerade von einem politische Wackelkontakt im Kopfe von Ajatollah Ali Chamenei und Mahmud Ahmadinedschad beschäftigt wird.

Ich lasse mir gern Tatenlosigkeit vorwerfen, aber ich gehe lieber mit einem unsolidarischen Profilbild durch die Welt und habe ob meiner Tatenlosigkeit ein schlechtes Gewissen, als mit dem grünen Heiligenschein über dem Gesicht zufrieden, dumm und glücklich zu sein.

P.S. Das war, nun ja, kein Bericht mehr, aber ein WebWatch (oder WebWatsche) für das FAZIT (Achtung: print!).

Das in der Webcommunity eh alle super sind is ja klar: „Jetzt endlich entfaltet sich die revolutionäre Kraft des Internet [...] Worüber jahrelang nur theorisiert wurde, ist in Iran Realität geworden“ – Norbert Bolz. SPIEGEL Nr. 26 s. 116.

Schöne Revolution.


8 Antworten zu „Twitterscheiss“


  1. 26. Juni 2009 um 8:46

    Zustimmen signalisierendes *brumm*
    (mit einer grünen schleife und einem lange blogpost)

  2. 26. Juni 2009 um 9:00

    Dem ich im übrigen über weite Strecken zupflichte, nur hab ich einen anderen persönlichen Background.

    Außerdem, was wäre denn für ein Bild entstanden, wenn ich das im Text erwähnt hätte.

  3. 26. Juni 2009 um 9:05

    wow, das ist mörderambiguin formuliert!
    : )

  4. 26. Juni 2009 um 9:31

    ich darf darauf hinweisen, dass der originaltitel dieser geschichte, nämlich »twitterschass«, von mir stammt. was im weiteren nichts zu bedeuten hat. lg : )

  5. 5 dommage
    26. Juni 2009 um 11:28

    michael: danke, das es dich gibt!

  6. 30. Juni 2009 um 1:46

    ich bin froh zu sehen, dass es noch moralapostel gibt… was würde ich sonst nur machen?! ;) auch schön, wenn alles nur auf einen einzigen tweet beschränkt wird. es lebe die moral.

  7. 30. Juni 2009 um 10:54

    Bin (leider) weder Apostel noch moralisch. (Ok, beim richtigen Vergleich bin sogar ich „moralisch“).
    Pingelig wäre es aber wohl, wenn ich hier eine endlos lange dieses, wie Herr Klepej richtig bemerkt, „Twitterschass“, anführen würde. Denn den gibt es ja nicht nur beim Herrn schneeengel, von dem ich weder dachte, dass er diesen blog liest, noch sich davon jucken lässt, als Beispiel genommen missbraucht zu werden, sondern überall.
    Und jetzt korrigieren wir lieber Beistriche, als uns aufzuregen.

  8. 1. Juli 2009 um 10:35

    naja, wenn der schneeengel irgendwo genannt wird, wird er natürlich hellhörig! ;) und natürlich stoße ich mich daran, wenn jemand mir sagt, ich wäre dumm. nur weil ich einen grünen „heiligenschein“ hab. ich seh’s da komplett anders wie du. ich halte tatenlosigkeit für falsch. ich habe lieber diesen grünen heiligenschein, als gar nichts zu tun. was soll man denn deiner meinung nach machen? soll ich in den iran einmarschieren? oder soll ich dem mahmud einen brief schreiben und sagen: du böse, hör auf damit?!
    darf man zur zeit nichts mehr twittern? dass du twitter für scheiß hälst, weiß ich ja schon lange. ich bin nur immer wieder fasziniert, wie oft du dieses medium benutzt – wenn auch nicht aktiv.


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