Part 1. Die Freiheit des Sehens
Notizen zur Freiheit des Erkennens
Auf dem Weg ein wenig über die Freiheit des Willens, unseres Willens zu erfahren bin ich immer wieder über die Zwischenfrage gestolpert: „Was liegt unserem freien Willen zu Grunde?“ Was haben und was brauchen wir um frei zu entscheiden und dadurch unseren freien Willen Tat werden zu lassen. Wir brauchen Grundlagen, auch wenn diese Notwendigkeit von Grundlagen es auf den ersten Blick verunmöglicht von „freiem“ Willen zu sprechen, ist er doch eben durch die Grundlagen schon beeinflusst – determiniert. Aber können wir diese Grundlagen, also das Erkennen der Welt nicht frei gestalten? Wie frei sind wir darin, die Welt zu erkennen?
1.Frage: Gibt es eine Realität
Auf diese Frage habe ich viele Antworten gefunden, reduzieren lässt es sich aber erst einmal auf vier, sehr allgemein formulierte Möglichkeiten zwischen denen (und über die hinaus) es weitere Thesen gibt
- ja, es gibt eine objektive Wirklichkeit, die wir erkennen können
- ja, es gibt eine objektive Wirklichkeit, aber der Einzelne kann diese nicht erkennen/abbilden
- nein, jede Wahrnehmung ist subjektiv und lässt keine Rückschlüsse auf eine Realität zu, weil jede Formulierung der eigenen Wahrnehmung subjektiv ist und damit objektive Realität ausschließt
- es ist nicht wichtig, ob es „Realität“ gibt. Wir können uns nur über eine „Idee“ von Wirklichkeit verständigen. Sprache und Individualität verhindern jeden Schluss auf Realität.
Es herrscht also keine Einigkeit darüber, ob wir eine objektive Realität in unserer Vorstellung abbilden, ob wir auf Grundlage einer objektiven Realität eine Wirklichkeit abbilden oder ob wir diese Wirklichkeit konstruieren, ohne uns dabei sicher sein zu können, dass dieser Konstruktion eine Realität zu Grunde liegt. Mir selbst scheinen die konstruktivistischen Erkenntnismodelle am schlüssigsten, allerdings weniger weil ich sich vollständig begründen und den Realismus widerlegen kann, sondern weil die Vorstellung einer subjektiven und individuellen Wahrnehmung für mich die bisher beste Erklärung für die verachtens- und liebenswerten Eigenheiten unseres Dasein ist. Die „Freiheit der Wahrnehmung“ als Erklärung aller Widersprüche ist dabei natürlich der Steigbügel der Beliebigkeit. Diese ist mir zuwider, das Problem bleibt ungelöst.
2.Frage Was erkennen wir Wie?
Wir erkennen die Welt, das erscheint mir schlüssig, über unsere Sinnesorgane. Gerade das würde dafür sprechen, dass es eine Realität gibt, die von unseren Sinnesorganen wahrgenommen wird und uns eine Wirklichkeit erkennen lässt. Dass diese wahrgenommene Wirklichkeit aber identisch mit der Realität ist von der ich nicht weiß, ob es sie gibt, halte ich für falsch, da diese These jede spätere Korrektur und jeden Unterschied in der Wirklichkeit verschiedener Menschen ausschließen würde. Wir erkennen also, was unseren Sinnesorganen ausgesetzt ist, ihnen vorgesetzt wird. Wir nehmen war und schließen daraus auf Wirklichkeit. Was wir dabei erkennen, Realität oder Vorstellung, darüber bin ich mir nicht klar. Die Idee des „Unterschiedes, der einen Unterschied macht“ (Definition von Information durch Gregory Bateson) scheint mir aber schlüssig. Aus ihr folgt das wir Veränderungen wahrnehmen und diese Veränderungen formen unsere wahrgenommene Wirklichkeit
3.Frage Warum erkennen wir auf diese Weise?
Darin steckt auch die Frage, ob wir frei darin sind, wie wir erkennen. Auch hier bin ich noch nicht sehr weit, sehe aber einige offensichtliche Determinanten, die verhindern, dass unsere Wahrnehmung gänzlich frei ist:
- Umwelt: unsere Wahrnehmung ist geprägt von Menschen die uns umgeben, Kulturen in denen wir aufwachsen und mit denen wir vertraut werden und unsere Alltag, den wir meist einen Regelwerk unterwerfen (Schule, Uni, Beruf) nimmt schließlich den größten Teil unsere zeitlichen Wahrnehmung ein. Mit den Worten John Stuart Mills: „Welt bedeutet für jedes Individuum den Teil davon, mit dem es in Berührung kommt“.(Mill: „Über die Freiheit. Stuttgart 1988. S. 27)
- Naturgesetze: Physik, Chemie und Biologie beschränken uns in unserer Wahrnehmung. Der Blinde Fleck im Auge, die Balance der Kräfte die auf unseren Körper wirkt, die Übertragung sämtlicher Sinneswahrnehmung durch Nervenbahnen und Neurotransmitter… Wir können nur so wahrnehmen, wie wir „gebaut“ sind, wie die Welt gebaut ist, auch wenn wir uns nicht einmal sicher sein können, ob wir diesen Bau richtig erkannt haben.
- Institutionen: Wir nehmen war was um uns geschieht (Umwelt) und was wir durch die Medien sehen. So können wir fremde Welten immerhin wahrnehmen, ob wir sie WAHR-nehmen dürfen ist zu bezweifeln. Medien, Politik, soziale Gruppen – all das schränkt unsere Wahrnehmung ein, ohne das dies bösartige Absicht wäre. Es ist einfach eine institutionalisierte Zwischenstufe der Wahrnehmung, die uns ermöglicht das zu erkennen, was außerhalb unseres Wahrnehmunsraumes liegt. Wir können so sicherlich Wirklichkeit wahrnehmen, Realität kann es aber nach einer institutionalisierten Zwischeninstanz nicht sein. Besonders gefährlich ist diese Illusion von Realität im Web, zugleich wird die Unmöglichkeit absoluten Erkennens besonders deutlich. Die Idee jede Information im Internet verfügbar zu machen ist löblich, visionär und illusionär. Die Wahrnehmung aller Information ist ebenso wenig möglich, wie die Aussage alle Informationen verfügbar zu haben – sie ist schlicht unkontrollierbar.
4.Frage Ist das Absolute erkennen nötig und möglich?
Noch nicht angesprochen habe ich die Frage, was wir erkennen „dürfen“. Wir nehmen wahr, und müssen diese Wahrnehmung in unsere bisherigen Wahrnehmungen, in unsere Wirklichkeit einordnen. Dabei unterliegen wir erneut Zwängen. Das Wahrgenommene muss irgendwie zum bisher wahrgenommenen passen und dazu noch in Übereinstimmung mit dem Common Sense stehen. Wahrnehmung in sozialen Gruppen ist, wenn sie auf Verständnis ausgerichtet ist, immer kollektive Wahrnehmung. Denn selbst wenn wir schon längst erkannt haben, dass die Welt anders ist, zwingt sie uns doch auf den Voraussetzungen des Status Quo zu beharren; andernfalls sind wir verbannt. Das Erkennen einer ungewissen Realität ist also keinesfalls nötig, um sozial anschlussfähig zu sein, oder auch nur sein persönliches Weltbild kongruent zu halten. Ob es möglich ist, Realität zu erkennen weiß ich nicht, ebenso wenig kann ich beantworten ob es sinnvoll ist den versuch zu unternehmen. Trotzdem ist mir die Variante des „Auf-Sich-Zukommen-Lassens“, also die Wahrnehmung der Welt wie sie mir begegnet nicht geheuer, denn sie ist zufällig. Ich versuche eine Alternative vorzuschlagen:
Select your world: Wir können versuchen, unsere Wahrnehmung so zu beeinflussen, dass wir mit den Ergebnissen nicht nur bedingt zufrieden sind, sondern uns auch bewusst über deren Unvollständigkeit. Das setzt natürlich einen freien Willen voraus, von dem ich noch nicht sicher bin ob es ihn gibt. (Vorab stelle ich den Zirkelschluss auf: Wenn wir unsere Wahrnehmung bewusst beeinflussen, können wir feststellen, dass wir keinen freien Willen haben.)
Zuerst sollte aber gelten: Ermöglichen wir uns, die Welt so zu erkennen wie wir wollen und es für richtig halten. Wahrnehmung können wir beeinflussen. Wir können uns sehen wollen, was uns glauben lässt, was wir glauben wollen. Dabei geht es nicht um Selbsttäuschung, sondern darum dass wir uns bewusst werden, dass Wahrnehmung immer Gefahr läuft Täuschung zu sein. „Sehen wollen, was wir glaube wollen“ heißt eine offene Suche beginnen. Möglichkeiten entdecken, die jenseits dessen sind, was wir bis jetzt wahrnehmen.





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