Nachdem ich mich in einem Referat vergangene Woche mal wieder mit dem aktuellen Stand der politischen YouTube-Kommunikation befasst habe, will ich die vorgestellten Ansätze hier fest halten und auf die offen gebliebenen Fragen eingehen. (Völlig zurecht wurde mir nämlich vorgeworfen, dass ich keinen Vorschlag gemacht habe, wie so ein YouTube-Video denn aussehen solle.)
Ganz einfach, weil ich keine Ahnung habe.
Ernst von Glasersfeld hat das Bild des Blinden im Wald entworfen:
Wir kennen den Weg nicht, sondern merken nur durch Fehler (=Gegen den Baum laufen) welcher Weg nicht funktioniert. Irgendwann werden wir eine Idee haben, wie wir durch den Wald kommen, ohne je eine Ahnung zu haben, ob das der beste Weg ist. Dieses Trial-and-Error-Prinzip ist auch bei den Parteien auf YouTube festzustellen. Um die Systematisierung hier bersichtlich zu machen, ein paar Kriterien:
Konzeption: Spontanität vs. Drehbuch
Von den anscheinend spontanen Filmen der Grünen bis zu den durchgestylten Formaten von CDUTV lässt sich auf unterschiedlich viel Mühe und Bedeutungszuschreibung seitens der Parteiverantwortlichen schließen. Offensichtlich ist, dass der Grad der Konzeption keinen Zusammenhang mit der (subjektiven) Qualität hat. Sowohl die Spontanität als auch der Ablauf nach Drehplan sind weder garant für Erfolg, noch dafür, dass es total schief geht.
Inhalt: Der politische Paradigmenstreit der Politik setzt sich in der Visualisierung fort.
Grundlage für diese Unterscheidung war die Arbeit von Dr. Wilhelm Hofmann zu visueller Politik.
Auf der einen Seite gibt es den Versuch politische Themen zu diskutieren (mit sich selbst oder durch Zuschauerfragen) und auf der anderen Seite die konfrontative Auseinandersetzung mit dem Gegner. Hofmann führt die Begriffe von „Diskussionsgemeinschaft“ und den „Kampfbegriff“ an.
Zwischen diesen beiden Extrempolen liegen viele Schattierungen, so manche Diffamierung des politischen Gegners wird da gekonnt mit ein paar Sachbezügen garniert. Das lässt sich dann kaum noch von aufrichtigen Versuch der Sachdiskussion unterscheiden, in der das Konzept des politischen Gegners widerlegt wird.
Für das Format der YouTube-Videos halte ich diese subtile Mischung aus politischen Kampf und ideologischem Diskurs für Unsinn. Soll es zum Image und zur Identität der Partei gehören, dass sie andere Parteien direkt kritisiert, dann sollte das auch im flüchtigsten aller Medien nicht durch übertriebene Differenziertheit verdeckt werden.
Form: Von der Pressemitteilung zum Parteifernsehen
Meine „Klassifizierung“ setzt bei der klassischen Pressemitteilung an und sieht zahlreiche Videos als reine „visuelle Pressemitteilung“.
Was auch immer man sagen will, knallen die Parteien nicht mehr NUR in Pressemitteilung auf die Schreibtische der Journalisten, sondern sie erliegen dem Glauben, dass sich jemand unbezahlt und in seiner Freizeit damit befassen will. Die Klickzahlen zeigen, dass dem nicht so ist.
Die „visuelle Pressemitteilung“ wird besser, wenn sie mit einer politischen Aktion oder einem Event zusammenfällt. Dazu zähle ich neben den Übertragungen politischer Aktionen durch Bsp. Die GRÜNE, auch die Aufforderung zum Dialog. Diese Form des „virtuellen Parteistandes“ transportiert die klassische Basis-Parteiarbeit (Stichwort: Kinderschminken) so gut es geht in Netzt. Meist geht es nicht.
Einen relativ großen Unterschied gibt es zum „Partei-TV“. Hier werden extra für YouTube Formate entwickelt und umgesetzt. Das machen vor allem CDU und FDP. Im Gegensatz zur „visuellen Pressemitteilung“ steht aber hier nicht der reine Transport der Botschaft im Vordergrund, sondern die damit verbundene Unterhaltung: Parteipolitisches Infotainment.
Dafür gilt dann meist das gleiche, wie für das journalistische Infotainment. Die Botschaft zählt meist weniger als die Unterhaltung.
Also was nun? Wie macht man es „richtig“?
Damit ich in dem begonnenen Bild von Glasersfelds Blindem im Wald bleibe, versuche ich gar nicht erst den Weg zum „richtigen Video“ zu beschreiben, der sich aber sicherlich irgendwo zwischen der genauen Justierung der angeführten Kriterien findet. Statt dessen ein paar Formate, die zeigen wie unterschiedliche (subjektiv) gute Videos aussehen können:
Das hat nichts mit einem Webvideo zu tun. Die Grünen haben diese Rede vom Parteitag einfach mitgefilmt und online gestellt (um sie zwischendurch wiederholt zu löschen und damit auch viele positive Kommentare). Die Tonprobleme bestehen weiterhin. Da ändert sich halt mal mitten im Video die Bitrate des Tons. Unfassbar.
Aber was deutlich wird: Wenn der Inhalt einen bestimmten Drive und eine gute Botschaft hat, ist die Form völlig egal. Das es sich bei Arvid Bell um ein Talent handelt, dass sich kaum Gedanken über die Form machen muss, sieht man in einer weiteren Rede, die genau so grausig gefilmt und genau so toll ist.
Ein guter Versuch unverkrampft und mit einem Schmunzeln die große Politik zu erklären. Ein schmaler Grad zwischen politischer Botschaft und Unterhaltung, der bei jeder Übertreibung Gefahr läuft, lächerlich zu werden.
ein (suggerierter?) Mehrwert für den Zuschauer, verpackt in einem Format, das zumindest nicht vor Langeweile gähnt. Vielleicht nicht ein Format für die breite Masse, aber ein nettes Angebot an die Stammwählerschaft.
Cem Özdemir: Ein Versuch
Hier bin ich auf die nächste Folge gespannt. Ganz ohne jeden Inhalt wird sich ein solches Format wohl nicht durchsetzen. Die hemdsärmliche und unaufdringliche Art wirkt aber so lässig wie Obamas aufgekrempelte Hemdsärmel. Das ist gut, aber ob es wirklich gut ist, wird sich zeigen wenn Cem Özdemir länger im Bild ist. Das er nach 60sek. weder langweilig noch nervig ist, darf man erwarten. Das schaffen nur Claudia Roth und Roland Pofalla (jmd. vergessen?)
Ob diese Auswahl jetzt zu euphorischer Freude über die hohe Qualität der politischen YouTube-Videos führt, oder ob Sie sich fragen, wo jetzt die wirklich tollen Videos sind, dass liegt wieter bei Ihnen. Sollte ich überragendes oder unterirdisches versäumt haben, nur her damit.
Zu Guter Letzt:
„2009 ist das Jahr der Werbevideos“ Das kann ich Ihnen nicht vorenthalten. Hab es eh schon getwittert. Das ist einfach nur fantastisch.

Darauf hab ich gewartet. Endlich eine passende Gelegenheit mich bei zahlreichen Bloggern dafür zu bedanken, dass sie meinen Feedreader und meinen Kopf füllen. Ich werde nicht alle hier vorstellen können, aber diejenigen bei denen es sich auch immer wieder lohnt den Feedreader zu verlassen und sich Zeit zu nehmen. Für kluge Gedanken und spannende Persönlichkeiten:


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