Archiv der Kategorie 'Literatur'

26
Jan
09

ich: scheiß-neokonservatives arschloch

Die Gedanken sind frei, soviel vorweg, aber manchmal frag ich mich wirklich, ob vor der Artikulation dieser Gedanken nicht das Denken kommen soll.

Da schreibt Robert Misik gegen die „Neo-Konservativen“ und schreibt doch eigentlich nur, um wieder zu schreiben.

Sätze wie:

„Die Verteidigung gesellschaftlicher Ungleichheiten ist das Herzstück der konservativen Ideologie. Doch die Ungleichheit ist, anders als die konservativen Prediger uns Glauben machen wollen, keineswegs nützlich. Ungleichheit schadet. „

versuchen sich gegen Jeden zu richten, der sich zu gesellschaftlicher Ungleiheit bekennt, oder sich auch nur Millimeter rechts einer sogenannten politischen Mitte, wenn es diese noch gibt, befindet.

Die Ungleichheit der Menschen ist, unabhängig ob man sie gut oder schlecht findet, tatsächlich.

Ungleichheit ist auch an sich etwas konservatives (im Sinne von bestehend). Da brauch es keine Ideologie.

Misik ist ein eristischer Dialektiker der schlimmsten Sorte (nicht mal ein Guter), ebenso, wie der ihn lobende Spreeblick. Der führt Beispiele wie Eva Herman, Henryk M. Broder und Kai Diekmann als Beispiele der „Neokonservativen“ an. Eine lächerliche und plumpe Form des Pars pro toto, weil diese gestrigen Großmäuler sicher nicht als repräsentativer Teil einer „konservativen Kultur“ gelten können.

Konservativ sein heißt in erster Linie, Dinge zu „bewahren“, von denen ich überzeugt bin, die ich gut finde.

Der Sozialismus (zu dem ich Misik mal rechne) ist hingegen, zumindest im Wortsinn, eher Organisationsform, als Einstellung. Diese wiederum besteht bei Misik anscheinend darin, Feindbilder zu erzeugen, die dann zur Besserung/Läuterung der Welt beitragen.  In seinem Buch  „Gott behüte“ wird die Kirche zur großen Gefahr stilisiert, vor der Österreich und der Rest der Welt bewahrt werden müssen. Der Trend scheint vorbei, die Aufregung gelegt (oder war sie nie da). Weder ein Boom religiöser Christen, noch Misiks Intervention haben eine Relevanz gehabt, Gleiches hoffe ich für sein aktuelles Buch. (Nicht, für eine trotzdem nötige Diskussion über die Hinfälligkeit plakativer Positionen.)

Ich nehme mir trotzdem einen gesunden Neokonservativismus heraus, ohne damit Positionen wie Politically Incorrect o.ä. zu vertreten. In erster Linie erscheinen mir die Konservativem im Moment vor allem argumentativ überlegen. Während Linke und Rechte sich vor allem durch (mehr oder weniger) treffende Polemik auszeichnen (Da sind sich Broder und Misik verdammt ähnlich), freu ich mich, wenn einige (Neo-)konservative Arschlöcher die klassische Form der Debatte, das Abwägen von Argumenten durch Argument und Gegenargument (und nicht durch Scheinargumente), bewahren.

Es ist Schade, dass die Argumente von Misik zu diesen Debatten nichts beitragen, sie verschwinden hinter einer an religiösen Eifer erinnernden Ideologie. Einer Ideologie wie sie der Spreeblick völlig zu Recht einer Herman, einem Broder, einem Diekmann vorwirft.

Aber zum Glück ist auch die Meinungsfreiheit, die Freiheit des Denkens, ein verdammt konservatives Gut.

P.S. ach ja, Für den fall, dass einer meiner konservativen Freunde meint, mir Recht geben zu müssen: LASST ES, ich ertrage heute nur noch Widerspruch.


17
Jan
09

R.I.P. Worte der Woche die leider nicht gesagt wurden

und die Psychologie der großen Seite

Das Zeit Magazin hat seine amüsante Rubrik „Worte der Woche, die leider nicht gesagt wurden“ ermordet. Schade drum.

Dafür gibt es jetzt, inclusive einer recht umfangreichen umbesetzung der Redaktion, „Gesellschaftskritik„. Feine Sache, aber der Einstand von Florian Illies zu Rachida Datis Weiblichkeit und deren Folgen ist etwas zu viel der Selbstbeweihräucherung. Hoffe, dass der Autor mit dieser Ausgabe sein umfangreiches Wissen unter Beweis gestellt hat ud ab der nächsten Folge etwas konzentrierter ans Thema geht. Sonst biette wieder die nicht gesagten Wörter:

„Als flamboyant lass ich mich gern bezeichnen, vielleicht hätte ich auch meine Tochter so nennen sollen?“

Rachida Dati über die neue Zeit-Gesellschaftskritik.

Themenwechsel – tabula rasa

Beim Lesen der ZEIT kam mir ein Gedanke: Die großen Seiten sind vor allem so wunderbar, weil sie den unbedingten  Eindruck erwecken, dass auf ihnen etwas steht, was  Sie und ich noch nicht wissen. Eine „Kleine Zeitung“ tut sich MIT dieser suggestiven Wirkung wahrscheinlich schwer.

Am Ende stimmt es wohl gar nicht, und wir wissen eh schon alles, aber das Lesen bringt es in eine Reihenfolge, verknüpft und ordnet es. GUT

Viel mir nur auf, heute morgen.

Bitte um Stellungname der mitlesenden Kognitionswissenschaftler…

18
Nov
08

Forderung nach Relevanz

1. relevante Zeitungsartikel

2. relevante Bücher

3. relevante Vorlesungen

Nichts ärgert ich mehr, als die verordnete Zeitverschwendung. Wenn ich aus dem ehrlichen Interesse an tiefgründiger und ausführlicher Information eine Zeitung/Zeitschrift kaufe, ihr das kostbarste widme, was ich habe: Geld und Zeit;

Dann will ich mich nicht durch Seiten aus Belanglosigkeit kämpfen um auf relevante Themen zu stoßen.

Und Bücher, wenn merkwürdige Menschen wie Norbert Bolz Bücher voller Unsinn schreiben und dann, irgendwo, ein einziges geistreiches Kapitel verstecken, dann ist das eine beleidigende Hybris gegenüber all den anderen Büchern, die gelesen gehören.

Sämtliche Phasen jugendlicher Hochleistung MÜSSEN wir in Schulen verbringen, nämlich sowohl im Lebenszyklus (14-24), als auch tageszyklisch am Morgen und am frühen Nachmittag.

Wenn die kostbarste aller Zeiten aber damit verschwendet wird, YouTube-Videos oder Guido Knopp-Filme zu schauen, englische Grammatikformulare oder Kreuzworträtsel auszufüllen, Nicht-Ziele und Lern-Ziele zu definieren,

wenn damit unsere Zeit verschwendet wird, dann habe ich ein Recht auf schlechte Laune und die Pflicht mich aufzuregen.

Wir werden an Dummheit sterben, wenn jeder Versuch des LERNENS und WISSENS durch einen Urwald an Belanglosigkeiten führt. Wenn das Filtern und Finden von Relevanz mühsamer wird, als das Verstehen.

Es ist mir unerklärlich, warum jetzt immer Relevanz und Qualität im Internet gefordert wird, oder auch noch im Fernsehen.

Schon vor 20 Jahren hat Neil Postman erklärt: „Problematisch am Fernsehen ist nicht, daß es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, daß es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert“.

Er macht klar, dass das Medium Fernsehen als solches, dazu taugt, bildlich, also oberflächlich zu sein.

Weiter gesprochen: Fernsehen ist Unterhaltung per se und muss nicht relevant sein. Es soll unterhalten. (und dass schliest weder Information noch Qualität aus)

Gern würde ich Gleiches für das Internet sagen. Aber dieses Internet wird ja so oft missverstanden, weil es eben Beides sein kann. Unterhaltung und Bildung, ein medialer Omnimorphling.

Der unterhaltsame Zeitvertreib hat seinen Platz direkt neben politischer, kultureller und wirtschaftlicher Relevanz. Und das ist gut und gefährlich.

Der angenehme Lernzwang meterhoher Bibliotheksbücherregale verschwindet auf Kosten der Unendlichkeit und Überall-Verfügbarkeit menschlicher Weisheit. Platon ist uns genau so nah, wie süße Hundebabies oder nervenzerfetzender Spielspaß.

Hier hilft nur eiserne Disziplin. Unterhaltsamer Zeitvertreib ist ja nicht per se schlecht. Er ist aber tödlich, wenn er zur Flucht vor der intelektuellen Auseinandersetzung wird. Dann ist er genau so tödlich, wie die Folter mit Irrelevanz. Autoren und Lehrer, die ihr Wissen in einem Jungel aus Überflüssigkeiten verstecken. Einer Überflüssigkeit, die zum Gift für den Geist wird, eine Flüssigkeit, zäh, klebrig, aber ohne jede Substanz.

28
Mai
08

Was Bücher können

Vorweg, es geht nicht um die literarische Kraft von Literatur, sondern um ein Buch, dass sich mit der digitalen Welt beschäftigt und warum diese scheinbar ungleiche Auseinandersetzung mir so gefallen hat. „Die Google-Gesellschaft“ hab ich schon mal verlinkt, aber nachdem ich es jetzt fast ausgelsesen habe (es geht nicht nur um Google), noch mal ein paar Worte zur genussvollen Lektüre:

50 Autoren schreiben über die Zukunft des Wissens: die Möglichkeiten der Politik im WWW, die Rolle von Blogs, creativ commons, die Problematik der Datenspeicherung, mobile Kommunikation, semantisches Web. Also all die Dinge die mich und noch ein paar andere Freunde des WEB 2.0 beschäftigen. Viele angenehm lesbare Aufsätze mit präzisen Beschreibungen der unterschiedlichsten Webphänomene

Das schöne dabei, das Buch ist aus dem Jahr 2005, also etwas älter als der Web 2.0 Hype (oder meine Wahrnehmung davon) und trotzdem beschreibt es sehr genau (und ohne einen utopischen oder großartig visionären Tonfall), die Möglichkeiten des Internet; zum Teil heute schon umgesetzt, zum Teil wohl auf dem besten Weg. Beispiel dafür die sinnvole Nutzung von OpenSource und SozialNetworks oder Politik im Internet angeht. Pflichtlektüre also für die Kollegen und für alle anderen empfehlenswert

Auffallend auch, das mich ausgerechnet ein Buch, ein Medium vergangener Jahrhunderte auf die Langsamkeit des Web hinweist. Trotz täglich tausender von BlogPost, Podcast und tagesaktuellem Medienkonsum finde ich einem Buch die wohl thematisch umfassendste,älteste und durchdachteste Analyse des digitalen Umgangs mit Wissen die ich bis jetzt so gefunden habe. (Ähnlich gut wie die letzte Zeit-Sonderausgabe, eigentlich sogar besser)

Und vielleich besteht darin auch die Zukunft des analogen Wissens, im unaufgeregten Betrachten und darin einen Überblick zu verschaffen. sicher gibt es zahlreiche Blogs die sich intensiever mit der Zukunft vom bsp. Google, Wiki, oder StudiVZ beschäftigen, aber ich kenne keinen Blog, der all diese Dinge vereint, der hinter bestimmt Phänomäne einfach einen Punkt setzt und nicht einen Link.

Ich hoffe es gibt weiter so kluge Bücher, die ihre Aufgabe und Möglichkeiten genau so nutzen wie es bBogs sollen, können und machen. Von daher bin ich gar nicht so traurig, dass der Blog, der zum Buch geschaltet wurde seit 2006 brach liegt. Wenn es dafür mal ein neues Buch gibt.

11
Mai
08

das ist so…

traurig schön.

und das zum Sonntag.

Warum kann es keine Bücher mehr geben in die so etwas geschrieben wird? Aufgehoben und wertvoll. Dass man sie in lange Nächten hervorhole kann, Buchstaben auf vergilbten Papier, die Nähe geben und nicht im Rauschen der Computerlüftung untergehen.

Träume im LCD-Bildschirm, eine Meldung für Hunderte. Nichts weiter als digitale Einsen und Nullen. Wenn sie eine andere Reihenfolge hätten, wäre es der Wetterbericht von Gestern.

Digitale Gefühle lassen, einfach zum wegklicken. Und alle erfahren es, alle haben es erlebt und alle werden es wegklicken und vielleicht wird sich einer verlieben und wird es lesen und wird auf ein schönes Gesicht blicken, neben dem ein RSS-Link steht. Zum abonieren.

Gefühle für den Feed-Reader. Feel-reader.

Ja?

Nein?

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da hilft auch kein Nasenbluten, kein Herzbluten

Da hilft nur Strom rauß. Der Schritt zurück ist immer möglich. Mit einem Schritt nach vorn ist er getan.

Alles Gute

23
Apr
08

The good evil 3

Bei meiner morgentlichen Lektüre der Google Falle habt Gerald Reischl die Fragen von Gestern beantwortet:

Die semantische Suche wird es möglich machen, dass die Suchmaschiene individuell nach meinen Bedürfnissen arbeitet. Das heist am Ende: Je mehr Daten ich google über mich zur Verfügung stelle, desto besser sucht die Maschiene für mich. Welche Vor- und Nachteile das hat, liegt auf der Hand. Bei last.fm funktioniert das schon ziemlich gut, beschränkt auf die Musik. Aber dort hat eben jeder, der sich anmeldet auch zugestimmt, dass seine Hör-Daten gespeichert werden. Und, das halte ich für besonders wichtig, ich kann einzelne Stücke „Lieben“ und „Bannen“. Wenn google es also ermöglichen würde, das ich selbst als User die Semantik der Suche steuern kann, wäre der Vorwurf der Manipulation, wie Reischl ihn erhebt, vielleicht ausgeräumt…

Hier die Links zu Youtube, die Reischl anführt:

der Privacychannel

in der Tag-Wolke lassen sich auch kritische Beiträge finden.

22
Apr
08

The good evil 2 – Die Google Falle

Im Laufe des zweiten Kapitels beginnt Gerald Reischl auch auf die Dummheiten der User aufmerksam zu machen. Diese machen google erst so mächtig, weil sie ihre Daten ins Netz stellen. Richtig aber auch die Kritik daran, das ich von den Suchanfragen nahezu abhängig bin – natürlich ich kann Yahoo benutzen. Aber 72 % der I-netuser machen dies nicht.

Und wenn ich eine Suchanfrage starte, werde ich nicht gefragt, ob ich damit einverstanden bin, das diese und meine IP-Addresse gespeichert werden.

Genau so richtig die Kritik an der Page-Rank Methode und ihrer Manipulierbarkeit. Es gibt viele Möglichkeiten, seine Seite auf google nach oben zu bringen und als User habe ich keine Kontrolle über die Entstehung des Rankings.

Doch:

1. gibt es eine wünschenswerte Alternative? Ein zufälliges Ranking?

Und 2. Wie auf die unterschiedliche Intention der Sucher eingehen?

Wenn ich nach „Hitler“ suche, will ich evtl. seine Biografie, ein anderer sucht aber vielleicht nach ein paar gleichgesinnten, mit denen er Geschichtsverdreher spielen kann. Ganz oben landet Wikipedia – da wird sich der Nazi aber ärgern.

Würd gern mehr schreiben, aber diese Rechner in der Uni haben auch ein recht auf ihre tägliche Stunde Sturheit…

22
Apr
08

Adorno, warum einfach wenns auch schwierig geht

Kampf mit Theodor Wiesengrund

Weißer König und schwarzer Turm stehen sich gegenüber, mit grünem Filz an den Füßen und auf hellem, lackiertem Holz. Unbeweglich, trotz endloser Anzahl von Möglichkeiten; aber keiner weiß, wer am Zug ist.

Der schwarze Turm oder der weiße König:

Theodor W. Adorno.

Schwarz und Weiß treffen aufeinander, Turm und König stehen sich gegenüber und wissen nicht, ob der Andere zu schlagen ist. Wissen nicht, wie der Andere zu schlagen ist. Ein Schachspiel ohne Ende; kein Sieg, keine Niederlage, kein Remis vor Augen, verharren die Spieler im Denken:

Ist jener der Sieger, der mutig zuerst zieht, überzeugt ob seiner Stärke? Oder ist jener der Sieger, der ruhig darauf wartet, dass der Gegenüber seinen Zug tut und damit den Fehler begeht?

Ein unverständliches Spiel nach verständlichen Regeln – die Auseinandersetzung der Worte:

45. Wie scheint doch alles Werdende so krank.

Weiß denkt:

Das dialektische Denken widersetzt sich der Verdinglichung auch in dem Sinn, daß es sich weigert, ein Einzelnes je in seiner Vereinzelung und Abgetrenntheit zu bestätigen: es bestimmt gerade die Vereinzelung als Produkt des Allgemeinen

Schwarz denkt:

Es gibt nichts Einzelnes und nichts Ganzes.

Das Einzelne ist nur, weil es das Ganze gab. Das Ganze ist die Summe des Einzelnen. Keines von Beiden wäre ohne das Andere.

Der Sieg des Königs wäre nichts, ohne die Niederlage des Turms. Der Turm allein auf dem Schachbrett wäre nichts.

Schlägt der Eine den Anderen, und ist damit der Einzige, der Gewinner, so ist er doch nur einzeln, weil er aus dem Allgemeinen, dem Spiel der Figuren, als Sieger hervorgegangen ist. Der Glanz des Siegers ist das Produkt der Auseinandersetzung, ohne diese und ohne die Existenz des Verlierers, gäbe es keinen Sieger.

Weiß denkt:

So arbeitet es [das dialektische Denken] als Korrektiv gegen die manische Fixiertheit wie gegen den widerstandslosen und leeren Zug des paranoiden Geistes, der das absolute Urteil mit dem Preis der Erfahrung der Sache bezahlt.

Schwarz denkt:

Nur wenn wir kämpfen, wenn sich die Gedanken duellieren, können wir gewinnen. Das einfache Ausprobieren würde uns zwar eine Erfahrung lehren, niemals aber würden wir den Grund von Sieg oder Niederlage erfahren. Das einmalige Ergebnis des Versuchs würde zum Vorurteil gelangen, ohne, dass wir verstehen würden, warum es so gekommen ist.

Weiß denkt:

Aber darum ist Dialektik doch nicht, wozu sie in der englischen Hegelschule und dann vollends im angestrengten Pragmatismus Deweys wurde, sense of proportions, das Einstellen der Dinge in ihre rechte Perspektive, der einfache, aber hartnäckige gesunde Menschenverstand.

Schwarz denkt:

Wir denken nicht nur um der Erkenntnis willen, sondern wir denken um das Spiel zu gewinnen. Lohnt sich das Denken also für den, der verliert? Der weiße König sagt ja, Dewey sagt nein. Wir können das Denken und unseren Geist als Waffe im Kampf um den Sieg benutzen, oder wir können unser ganzes Dasein auf das Denken, auf den Konflikt, ausrichten. Bestimmen wir unsere Wesen durch den Sieg oder durch die Auseinandersetzung?

Weiß denkt:

Wenn Hegel im Gespräch mit Goethe solcher Auffassung selber nahezukommen schien, indem er seine Philosophie gegen den Goetheschen Platonismus damit verteidigte, daß sie »im Grunde nichts weiter« sei, »als der geregelte, methodische ausgebildete Widerspruchsgeist, der jedem Menschen innewohnt, und welche Gabe sich groß erweist in Unterscheidung des Wahren vom Falschen«, so enthält die hintersinnige Formulierung eulenspiegelhaft im Lobe des »jedem Menschen Innewohnenden« zugleich die Denunziation des common sense, zu dessen innerster Bestimmung es gemacht wird, gerade nicht vom common sense sich leiten zu lassen, sondern diesem zu widersprechen.

Schwarz denkt:

Michael Nyman ist großartig. Er lässt das Duell der Streicher und Bläser in einer alles erklärenden Harmonie gipfeln. In der Musik ist es egal, ob der Weg oder das Ziel von Bedeutung ist. Die repeat-Taste macht es möglich.

Der gesunde Menschenverstand lässt mich solang denken, bis ich den Schlüssel zum Sieg finde. Nun soll es aber die Bestimmung des gesunden Menschenverstandes sein, eben diesem »gesunden Menschenverstand« nicht zu folgen, sondern diesem zu widersprechen.

Der gesunde Menschenverstand, der ausgebildete Widerspruchsgeist, ist aber nicht zum Widerspruch verpflichtet: Er erweist sich als groß, in der Unterscheidung des Wahren vom Falschen. Ist diese Unterscheidung gemacht, gilt es, nur noch dem Falschen zu widersprechen.

Ziel ist es also nicht, den Spielsieg auszukämpfen, sondern zu wissen, wer der Sieger ist. Ziel ist nicht der Sieg, nicht die Auseinandersetzung; Ziel ist es DARÜBER zu wissen.

Weiß denkt:

Common sense, die Einschätzung der richtigen Verhältnisse, der am Markt geschulte, weltläufig geübte Blick, hat mit der Dialektik die Freiheit von Dogma, Beschränkung und Verranntheit gemein.

Schwarz denkt:

Ich muss ÜBER alles wissen, sowohl mit dem gesunden Menschenverstand, als auch mit der Dialektik. Ich muss mit ihnen wissen und über sie wissen.

Sowohl das logische, als auch das widersprüchliche Denken halten mich davon ab, den Zug zu ziehen, den ich schon immer gezogen habe. Der denkende Schachspieler, egal ob nach gesundem Menschenverstand oder nach der Dialektik, denkt über jeden Zug nach und ist damit erhaben über den Fehler des Dogma, der Beschränkung, der Verranntheit.

Weiß denkt:

Seine Nüchternheit gibt ein unabdingbares Moment von kritischem Denken ab ;-)

Schwarz denkt:

Weißer König und schwarzer Turm kämpfen gemeinsam gegen ihre eigene Überflüssigkeit, und doch kämpfen sie gegeneinander. König und Turm schlagen sich nicht und geben den Kampf nie auf. Weder der Sieg wird beschlossen, noch der Kampf abgebrochen. Das Ziel des dialektischen Denkens ist die Fortsetzung des Kampfes, das Unentschieden bleiben, ohne unentschieden zu sein.

Weiß denkt:

Aber der Verzicht auf verblendeten Eigensinn ist doch auch wiederum dessen geschworener Feind.

Schwarz verzweifelt:

Es ist doch nichts trivialer als die Einsicht in die eigene Unfehlbarkeit. Nur indem ich mich zum Mittelpunkt der Welt und allen Denkens mache, bin ich fähig zu denken. Nur der Totalitätsanspruch meines Denkens lässt überhaupt Dialektik zu. Alles andere, das bescheidene Denken, so gescheit es auch sein mag, muss doch daran scheitern, das es sich selbst relativiert. Wenn ich dialektisch denke, mit mir als Zentrum, brauche ich mich selbst nicht zu relativieren – das Gegenteil meiner Position ist bereits ein Teil dieser.

Weiß:

Die Allgemeinheit der Meinung, unmittelbar angenommen als eine in der Gesellschaft, wie sie ist, hat zum konkreten Inhalt notwenig das Einverständnis.

Schwarz denkt:

Wichtig in der Auseinandersetzung ist die Gleichheit der Waffen, die Einigung auf gleiche Regeln, gleiche Begriffe. Das Matt bedeutet genau so das Ende der Partei wie das Remis. Darüber sind wir uns einig, auch darüber, dass nur einer von beiden es herbeiführen kann. Nur, wie wir dazu kommen, was das Ende ist, bleibt Denken.

Weiß denkt:

Es ist kein Zufall, daß im neunzehnten Jahrhundert gerade der abgestandene und durch die Aufklärung mit schlechtem Gewissen versetzte Dogmatismus auf den gesunden Menschenverstand sich berief, so daß ein Erzpositivist wie Mill gezwungen war, gegen diesen zu polemisieren.

Schwarz:

Ökonomisch betrachtet wäre als also sinnvoll, sich auf einen gesunden Menschenverstand zu besinnen, denn dieser ist zumindest dem Dogmatismus überlegen. Dieser sagt, meine Chancen zu siegen liegen bei 50 Prozent.

Weiß denkt:

Der sense of proportions vollends bezieht sich darauf, daß man in den Maßverhältnissen und Größenordnungen des Lebens denken soll, die feststehen.

Schwarz denkt:

„Verfolge einen Gedanken sieben Sätze lang. Wenn das gelingt, läßt er sich weiter verfolgen.“ 1

Weiß denkt:

Man muß nur einmal einen hartgesottenen Repräsentanten einer herrschenden Clique haben sagen hören: »Das ist nicht so wichtig«, muß nur beobachten, wann die Bürger von Übertreibung, Hysterie, Narretei reden, um zu wissen, daß es gerade an der Stelle, an der die Berufung auf Vernunft am promptesten eintritt, unweigerlich um die Apologie der Vernunft geht.

Schwarz denkt:

Wenn es die Vernunft also schon nötig hat, dass sie verteidigt werden muss, dann ist es um sie geschehen. Wenn es also schon darum geht, wer gewinnt, haben wir beide verloren. Das ist die Logik…, so macht denken Spaß.

Weiß denkt:

Den gesunden Widerspruchsgeist hat Hegel mit der Dickköpfigkeit des Bauern hervorgehoben, der jahrhundertelang lernte, Jagd und Zins der mächtigen Feudalherren zu überstehen.

Schwarz lacht:

Nun, die Bauern sind alle tot. Nur noch König und Turm auf dem Feld. Die Dickköpfigkeit ist also nicht der Garant des Sieges, ihre Niederlage aber noch lange nicht die Verurteilung des grundsätzlichen Widerspruchs.

Weiß denkt:

Das Anliegen der Dialektik ist es, den gesunden Ansichten, die später Gewalthaber von der Unabhängigkeit des Weltlaufs hegen, ein Schnippchen zu schlagen und in ihren »proportions« das treue und reduzierte Spiegelbild der unmäßig vergrößerten Mißverhältnisse zu entziffern.

Schwarz denkt:

Die Aufgabe und der Sinn des dialektischen Denkens besteht also darin, auch den logischen Sieg als Niederlage anzunehmen und zu bedenken. Gleiches gilt umgekehrt: eine notwendig erscheinende Niederlage muss auch so überdacht werden, als wäre sie ein Sieg.

Weiß denkt:

Die dialektische Vernunft ist gegen die herrschende die Unvernunft: erst indem sie jene überführt und aufhebt, wird sie selber vernünftig.

Schwarz denkt:

Nur so – im unvernünftigen Denken – kann ich vernünftig sein.

Weiß denkt:

Wie verrannt und talmudistisch war schon, mitten in der funktionierenden Tauschwirtschaft, die Insistenz auf den Unterschied der vom Arbeiter verausgabten Arbeitszeit und der zur Reproduktion seines Lebens notwendigen.

Schwarz denkt:

Es gibt keinen Vergleich, der das Denken darstellen kann. Kein Schachbrett, keine Arbeiter.

Weiß denkt:

Wie hat nicht Nietzsche alle Pferde am Schwanz aufgezäumt, auf denen er seine Attacken ritt, wie haben nicht Karl Kraus, Kafka, selbst Proust, jeder auf seine Weise das Bild der Welt befangen verfälscht, um Falschheit und Befangenheit abzuschütteln.

Schwarz denkt:

Bin ich dann endlich durch mein dialektisches Denken zu einem Schluss gekommen, und das ist schließlich doch Ziel allen Denkens, scheint es nötig dieses Denken nicht zu vermitteln, sondern die Konsequenz dieses Denk-Schlusses in einer nicht dialektischen Form zu transportieren.

Um bei hinkenden Vergleichen zu bleiben: Der Boxer lässt sich nur mit einem Faustschlag besiegen, der schwarze Turm wird sich nie vom dialektischen Gedanken seines Gegners matt setzen lassen. Es brauch immer der logisch scheinenden Handlung.

Weiß denkt:

Vor den Begriffen des Gesunden und Kranken, ja den mit ihnen verschwisterten des Vernünftigen und Unvernünftigen selber vermag Dialektik nicht halt zu machen.

Schwarz denkt:

Die Dialektik muss, kann und ist in letzter Form auch in der Lage sich selbst zu überdenken.

Weiß denkt:

Hat sie einmal das herrschende Allgemeine und seine Proportionen als krank – und im wörtlichsten Sinn, gezeichnet mit der Paranoia, der »pathischen Projektion« – erkannt, so wird ihr zur Zelle der Genesung einzig, was nach Maß jener Ordnung selber als krank, abwegig, paranoid – ja als »verrückt« sich darstellt, und es gilt heute wie im Mittelalter, daß einzig die Narren der Herrschaft die Wahrheit sagen.

Schwarz denkt:

Ist ein dialektischer Gedanke zu seinem Schluss gekommen, so kann er nur durch die unbedingte Annahme seiner Falschheit umstoßen werden.

Ich werde den weißen König gewinnen lassen; das ist mein Schluss. Und ich werde erst in einiger Zeit zum nächsten Duell antreten, mit der unbedingten Annahme, ihn dann zu besiegen. Ich weiß nicht, ob ich ihn heute hätte schlagen können, wenn doch wäre es fatal, wenn nicht gar falsch gewesen. Die Konsequenz meiner Niederlage lässt mich auf größere Spiele hoffen, als die Selbstgefälligkeit eines Sieges.

Weiß denkt:

Unter diesem Aspekt wäre es die Pflicht des Dialektikers, solcher Wahrheit des Narren zum Bewußtsein ihrer eigenen Vernunft zu verhelfen, ohne welches sie freilich untergehen müßte im Abgrund jener Krankheit, welcher der gesunde Menschenverstand der anderen mitleidlos diktiert. – Matt

Nachträgliche Zueignung:

Es kann nicht das Ziel des Denkens sein, unverständlich zu bleiben, aber es kann auch nicht das Ziel sein, nicht zu verstehen:

Ist es also die Kunst des Siegers verständlich zu sein, oder ist es die Schuld des Verlierers nicht zu verstehen? Darüber gilt es zu denken.

Unwesentlich in jedem Fall, wie das Spielfeld des Denkens aussieht. Unwesentlich, wie die Spiele davor, die Spiele danach ausgehen. Unwesentlich, die Größe und Anzahl der Schachfelder, die Beschaffenheit der Figuren, die Dynamik der Züge all das ist banal im Angesicht ihrer Bedeutung, oder ihrer Nicht-Bedeutung.

Wie scheint doch alles Werdende so krank!
Ein Fieberhauch um einen Weiler kreist;
Doch aus Gezweigen winkt ein sanfter Geist
Und öffnet das Gemüte weit und bang.

Ein blühender Erguß verrinnt sehr sacht
Und Ungebornes pflegt der eignen Ruh.
Die Liebenden blühn ihren Sternen zu
Und süßer fließt ihr Odem durch die Nacht.

So schmerzlich gut und wahrhaft ist, was lebt;
Und leise rührt dich an ein alter Stein:
Wahrlich! Ich werde immer bei euch sein.
O Mund! der durch die Silberweide bebt. 2

1 Elias Canetti Aufzeichnungen

2 Georg Trakl

21
Apr
08

Google – the good evil 1

Seit heut habe ich „Die Google Falle„, aber Gerald Reischl enttäuscht mich schon auf den ersten Seiten mit reportagehaften Beschreibungen. Wie bei google gearbeitet wird, wie sie Chefs so drauf sind und welche Gefahr er dahinter sieht.

Ich hoffe es kommen noch ein paar Fakten die belegen, welche Macht google hat. Bis jetzt (Seite 20) ließt es sich eher wie die geschönten Tiraden eines von Minderwertigkeitskomplexen geplagten Österreichers, voller Neid auf die glücklichen und reichen Erfindern von Google. -by the way, nur durch google ist ein buch über Google überhaupt möglich und es zeugt doch von einer recht gesunden Selbsteinschätzung, das Reischl das zu Beginn seines Buches auch fest stellt.

Sorry…

Aber, aber ich fand schon den Artikel in der letzten P.M. recht undifferenziert, aber vielleicht ist Reischls Einseitigkeit nötig, um auf die nicht zu verleugnende Gefahr Googles aufmerksam zu machen. Ob sie zu einem objektiven Bild beitrögt, bezweifle ich, aber vielleicht wird es ja noch besser. Es sind ja noch 150 Seiten, werd auf jeden Fall weiter lesen, aber auch weiter googlen. Mehr dazu bald…

Muss wieder in die Vorlesung




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