Die vierte Woche an der ZHAW hat begonnen und, nun ja, das gleiche System macht überall die gleichen Fehler. Egal. Worum es eigentlich gehen soll ist der Deutschunterricht.
So etwas schnödes auf einem akademischen Institut, aber sehr gut gemacht. Abschnitt 1: Lügen und Wirklichkeitskonstruktion. Wir hatten die putzige Aufgabe einen manipulativen Text zu schreiben, der ein Anliegen der Food-Industry positiv darstellt. Natürlich so, dass es nicht jeder merkt.
Erschreckend wie leicht das ist. Glauben sie also niemand ein Wort, wenn sie ihm vorher nicht den Hals umgedreht haben. Ich erzähl ihnen jetzt auch das Blaue vom Himmel. Und danach, wie leicht das ist.
Brauchen wir Genfood?
Das Bewusstsein über gesunde Ernährung ist längst da. Vitamine, Ballaststoffe und Spurenelemente – jeder Grundschüler lernt inzwischen, was für seinen Körper wichtig ist und ihn gesund hält. Groß sind die Wissenslücken hingegen, wenn es darum geht, wo die Lebensmittel herkommen und produziert werden, die unser Wohl garantieren sollen. Nicht umsonst wurde der Film des Österreichers Erwin Wagenhofer „We feed the World“ zu einem Erfolg bei einer großen Gruppe ernährungsbewusster Konsumenten. Industrieller Fischfang und die Ausbeutung von afrikanischen Bauern will niemand als Grundlage seines Abendessens wissen.
Doch auch der ambitionierte Film von Wagenhofer zeigt keine Wege, wie sich die Frage der globalen Ernährung beantworten lässt. Das exponentielle Bevölkerungswachstum auf über 6 Milliarden Menschen ist ebenso wenig zu leugnen wie die Risiken, die gentechnisch veränderte Lebensmittel mit sich bringen.
Ein Blick in die Praxis:
Zahlreiche Lebensmittel werden inzwischen aus genetisch modifiziertem Saatgut gewonnen, wie zum Beispiel durch die Firma Syngenta, die damit in ganz Europa erfolgreich ist. Dabei sind genetische Modifikationen nicht mit unkontrollierten Genveränderungen zu vergleichen. Verbraucherschützer wie Greenpeace deuten an, dass die Auswirkungen genetischer Veränderungen nicht vorhersehbar sind und ungeplante Folgen für die Umwelt haben könnten. Um genau diesen Sorgen zu begegnen, wird Biotechnologie intensiv geprüft und kontrolliert. Das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung bestätigt, dass aufwändige Zulassungsverfahren für hohe Sicherheit sorgen und es aus wissenschaftlicher Sicht keine Hinweise auf Risiken gibt.
Dass sich über die Lebenszyklen von Pflanzen auch deren Geschmack verändern könnte, ist ein ebenfalls häufiger Vorwurf der Genfood-Gegner. Darauf bleibt dann nur noch jenes geflügelte Wort, das schon zu Zeiten galt, wo tatsächlich noch Esel und Bäuerin über das Feld zogen, und das da heißt: „Über Geschmack lässt sich streiten“.
Kommentar:
Die Aufgabe einen Artikel über GMO, Genfood, bzw. Biotechnologie zu schreiben, ist in Anbetracht des zahlreich publizierten Materials grundsätzlich einfach. Auch ist es wesentlich einfacher, einen Artikel mit vorgegebener Meinung zu schreiben, als sich selbst eine zu bilden, denn es ist klar, welchen Argumenten mehr Gewicht verliehen werden muss. Die Schwierigkeit bestand darin, ein ausreichendes Maß an „Kontra-Fakten“ einzubringen, um die nötige Glaubwürdigkeit herzustellen. Dabei war es schwierig abzuschätzen, ab welchem Grad ein Leser misstrauisch wird und die Intention des Textes ablehnt. Wenn er also erkennt, dass ich ihm eine Wirklichkeit vorspiele, die mit seiner nicht übereinstimmt, ist der Text gescheitert.
Absatz 1 Einstieg:
Ich beginne mit neutralen Argumenten, die möglichst der Wirklichkeit des Lesers entsprechen. (Keine Extreme, gesunde Ernährung als Grundbedürfnis, Ablehnung von Kinderarbeit und industriellem Fischfang). Mit Erwin Wagenhofer wird ein erster Genfood-Gegner angeführt, was den Eindruck erweckt, dass in diesem Text auf die Argumente beider Seiten eingegangen wird.
Sprachlich stimmt der Text darauf ein, dass Nahrungsmittel „garantiert“ gesund sind.
Absatz 2 Problematik
Hier wird ein Problem formuliert, das mit der Position des Gegners nicht mehr gelöst werden kann. Dabei funktioniert Wagenhofer als Pars pro Toto implizit für alle Gegner, auch wenn deren Positionen im Text nicht erwähnt sind. Es „ist ebenso wenig zu leugnen“ (Passivkonstruktion). Trotzdem wird hier immer noch das Gegnerargument (gefährliches Genfood) beibehalten, wenn auch abgeschwächt durch die Beistellung eines „Argumentes“ für Genfood (über 6 Mrd. Menschen). Dabei werden zwei Wirklichkeiten gegeneinander gestellt (als würde sich Bevölkerungswachstum und genfreies Essen ausschließen) – eine muss also anschließend verworfen, bzw. um-interpretiert werden. An dieser Stelle wird aber nicht geleugnet, dass Genfood problematisch ist, sondern es wird dem Argument ein gewisses Gewicht zugestanden.
Absatz 3 Die Überzeugung
Ein „Blick in die Praxis“ wirkt oft überzeugend, vor allem wenn er „erfolgreich“ ist. In diesem Abschnitt wird jetzt das Informationsdilemma des Lesers genutzt. Konnte er in den ersten beiden Abschnitten noch Allgemeinsätze lesen und diesen zustimmen, muss er jetzt darauf vertrauen, dass die folgenden Informationen ebenso der Wirklichkeit entsprechen wie zum Beispiel die Bevölkerungsgröße.
Konstruierte Wirklichkeiten:
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Syngenta als erfolgreiches Unternehmen: Syngenta ist eine reine Genfoodfabrik, die regelmäßig ihre CI verändert, um ein besseres Image zu bekommen. Syngenta setzt neben genetisch veränderten Lebensmitteln auch hochtoxische Pestizide ein. (Atrazin, das in den USA verboten werden soll und Paraquat, das vom EUGH zuletzt nicht zugelassen wurde)
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Unterscheidung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln und Modifikation. Diese Unterscheidung ist rein sprachlich und wir hier explizit gemacht, um beim Leser den Eindruck zu erwecken sehr genau zu unterscheiden – schlussendlich soll er aber die Formulierungen von Unternehmen wie Syngenta („modifiziert, Biotechnologie…“) übernehmen und akzeptieren. Die Ablehnung von Genfood kann aufrecht bleiben, solange er die lediglich sprachlich davon unterschiedenen „modifizierten Lebensmittel akzeptiert“
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Gentechnik ist sicher. Mit Referenz auf das BMBF wird die wissenschaftliche Sicherheit von Genfood sugeriert. Das es vor allem staatliche Wissenschaftler sind, die von einer Gentechnik-bejahenden Regierung bezahlt werden, wird ebenso verschwiegen, wie die Tatsache, dass es zahlreiche davon abweichende Expertenmeinungen gibt. Zum Beispiel bei Greenpeace. Deren Argument wird aber nur unpräzise angeführt, um es als Überleitung zu dem „besseren“ Argument zu nutzen. Die Unterstellung des Gegners wird oberflächlich aufgegriffen, um ihn grundsätzlich zu widerlegen.
Abschnitt 4 Versöhnliches Ende und Verführung
Der Abschnitt startet mit einem Gegenargument, dass wieder deutlich ins Schema des Common Sense und in die Wirklichkeit des Lesers passt. Es wird dezent abgeschwächt, ohne es zu entkräften, weil es eher dazu dient, die vorher angebrachten „Hard Facts“ glaubwürdig zu machen.
Einen Ausweg aus der Diktion des Textes bildet der letzte Satz. Eine abgedroschene Phrase als Ausweg für Autor und Leser, die sich auf zwei keineswegs wertneutrale Weisen deuten lässt:
Erste Ebene: Das Gerede vom besseren Geschmack unbehandelter Lebensmittel ist reines Imagegerede von Biobauern und Besserverdienern.
Oder auf einer zweiten Ebene: Nur schlechter Geschmack ist streitbar. Guter Geschmack ist eine Frage von Lebensstil, Einstellung und Bewusstsein. Und letzteres lässt sich auch sprachlich nicht überlisten. Den „Über Geschmack lässt sich streiten“ ist schlicht falsch, die Redewendung heißt „Über Geschmack lässt sich nicht streiten“. Das gilt nach sprachlicher Herkunft: „De gustibus non est disputandum“ und auch die Wissenschaft meint, dass der Geschmack eine Frage der, man staune, Gene ist.
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