Archiv der Kategorie 'mediale Leichen - Print'

21
Nov
09

Überall Leichen

Es war ein bißchen zu viel der morbiden Themen in den letzten Tagen. Der wöchentliche Kaffeesatz zwang mich gleich doppelt über das Sterben nachzudenken, die ZEIT von letzter Woche hält mir fünfzig vorbildhafte Tote entgegen, der Kollege Klepej übertreibt seine Aufgeregheit mal wieder und erklärt die Europäische Union für gescheitert (=Tod) und im gerade gelesenen Kapitel von Vilém Flusser hieß es:

Die Bilder werden dann immer das gleiche zeigen und die Menschen immer das gleiche gezeigt bekommen wollen. Der Mantel der ewigen und unendlichen Langeweile wird sich über die Gesellschaft breiten. Sie wird in Entropie verfallen, und diesen heranrückenden Verfall können wir bereits konstatieren. Er äußerst sich in der Selbstlüsternheit der Empfänger: Es müssen immer neue Bilder her, weil alle Bilder längst dazu neigen, langweilig zu werden. Der Verkehr zwischen Bild und Mensch weist der Entropie zu, dem Tod entgegen.

Und das schlimmste: Ich kann noch nicht einmal voller Überzeugung dagegen schimpfen, dass es angeblich überall nur noch schlimmer wird und wir (bzw. Die ZEIT)  unsere Vorbilder nur noch unter den Verstorbenen finden. Ist das die Herbstdepression? Lichtmangel führt ja zu vermehrten Melatoninausstoß und zu weniger Serotonin.

Saisonale Morbidität.

Das wäre noch zu ertragen, dann könnten wir einfach bis zum Frühling die Musik lauter drehen. Aber was wenn das alles nichts mit der Jahreszeit zu tun hat? Nehmen die Menschen deshalb so viele Drogen?

Ich wüsste wirklich gern einen fundierten Ausweg, aber Ernsthaftigkeit ist kein guter Ratgeber. Und Henry Miller auch nur Verdrängung. Bleibt, doch nur auf die von der ZEIT vorgeschlagenen „Vorbilder“ zu hören: Rosa Luxemburg:

Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja, heiter trotz alledem und alledem, denn das Heulen ist das Geschäft der Schwäche. Mensch sien heißt, sein ganzes Leben auf des Schicksals großer Waage freudig hinzuwerfen, wenn’s sein muß, sich zugleich aber an jedem hellen Tag und jeder schönen Wolke zu freuen …

Schade nur, das diese Heiterkeit laut Alice Bota „tief aus einer zerissenen, verletzten Seele“ kam. Dass bringt also auch nicht weiter.Und deshalb lieber warten ohne zu erwarten. Erwartungen sind potentielle Enttäuschungen. Warten ist die Bereitschaft zum Glück. Ja, etwas das sein kann:

Eine bessere Welt, von der wir nicht wissen wie sie aussieht, aber für die wir alles tun. Vorbild sein, auch wenn niemand da ist, der sich eines an uns nimmt. Die Bilder ignorieren und verschwinden lassen – die Augen schließen um wieder sehen zu lernen. Über das Leben nachdenken, und nicht über den Tod.

Ein Illussion die uns fürs erste glücklicher macht, als alles was uns erwartet. Es bleibt ohne Zutun einfach alles liegen. Eine Enttäuschung, die nicht unsere ist, bleibt zurück. Und wir transportieren uns ohne Verlust, ohne zu wissen wo wir wie ankommen.

07
Okt
09

Wir lernen Lügen

Die vierte Woche an der ZHAW hat begonnen und, nun ja, das gleiche System macht überall die gleichen Fehler. Egal. Worum es eigentlich gehen soll ist der Deutschunterricht.

So etwas schnödes auf einem akademischen Institut, aber sehr gut gemacht. Abschnitt 1: Lügen und Wirklichkeitskonstruktion. Wir hatten die putzige Aufgabe einen manipulativen Text zu schreiben, der ein Anliegen der Food-Industry positiv darstellt. Natürlich so, dass es nicht jeder merkt.

Erschreckend wie leicht das ist. Glauben sie also niemand ein Wort, wenn sie ihm vorher nicht den Hals umgedreht haben. Ich erzähl ihnen jetzt auch das Blaue vom Himmel. Und danach, wie leicht das ist.

Brauchen wir Genfood?

Das Bewusstsein über gesunde Ernährung ist längst da. Vitamine, Ballaststoffe und Spurenelemente – jeder Grundschüler lernt inzwischen, was für seinen Körper wichtig ist und ihn gesund hält. Groß sind die Wissenslücken hingegen, wenn es darum geht, wo die Lebensmittel herkommen und produziert werden, die unser Wohl garantieren sollen. Nicht umsonst wurde der Film des Österreichers Erwin Wagenhofer „We feed the World“ zu einem Erfolg bei einer großen Gruppe ernährungsbewusster Konsumenten. Industrieller Fischfang und die Ausbeutung von afrikanischen Bauern will niemand als Grundlage seines Abendessens wissen.

Doch auch der ambitionierte Film von Wagenhofer zeigt keine Wege, wie sich die Frage der globalen Ernährung beantworten lässt. Das exponentielle Bevölkerungswachstum auf über 6 Milliarden Menschen ist ebenso wenig zu leugnen wie die Risiken, die gentechnisch veränderte Lebensmittel mit sich bringen.

Ein Blick in die Praxis:

Zahlreiche Lebensmittel werden inzwischen aus genetisch modifiziertem Saatgut gewonnen, wie zum Beispiel durch die Firma Syngenta, die damit in ganz Europa erfolgreich ist. Dabei sind genetische Modifikationen nicht mit unkontrollierten Genveränderungen zu vergleichen. Verbraucherschützer wie Greenpeace deuten an, dass die Auswirkungen genetischer Veränderungen nicht vorhersehbar sind und ungeplante Folgen für die Umwelt haben könnten. Um genau diesen Sorgen zu begegnen, wird Biotechnologie intensiv geprüft und kontrolliert. Das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung bestätigt, dass aufwändige Zulassungsverfahren für hohe Sicherheit sorgen und es aus wissenschaftlicher Sicht keine Hinweise auf Risiken gibt.

Dass sich über die Lebenszyklen von Pflanzen auch deren Geschmack verändern könnte, ist ein ebenfalls häufiger Vorwurf der Genfood-Gegner. Darauf bleibt dann nur noch jenes geflügelte Wort, das schon zu Zeiten galt, wo tatsächlich noch Esel und Bäuerin über das Feld zogen, und das da heißt: „Über Geschmack lässt sich streiten“.

Kommentar:

Die Aufgabe einen Artikel über GMO, Genfood, bzw. Biotechnologie zu schreiben, ist in Anbetracht des zahlreich publizierten Materials grundsätzlich einfach. Auch ist es wesentlich einfacher, einen Artikel mit vorgegebener Meinung zu schreiben, als sich selbst eine zu bilden, denn es ist klar, welchen Argumenten mehr Gewicht verliehen werden muss. Die Schwierigkeit bestand darin, ein ausreichendes Maß an „Kontra-Fakten“ einzubringen, um die nötige Glaubwürdigkeit herzustellen. Dabei war es schwierig abzuschätzen, ab welchem Grad ein Leser misstrauisch wird und die Intention des Textes ablehnt. Wenn er also erkennt, dass ich ihm eine Wirklichkeit vorspiele, die mit seiner nicht übereinstimmt, ist der Text gescheitert.

Absatz 1 Einstieg:

Ich beginne mit neutralen Argumenten, die möglichst der Wirklichkeit des Lesers entsprechen. (Keine Extreme, gesunde Ernährung als Grundbedürfnis, Ablehnung von Kinderarbeit und industriellem Fischfang). Mit Erwin Wagenhofer wird ein erster Genfood-Gegner angeführt, was den Eindruck erweckt, dass in diesem Text auf die Argumente beider Seiten eingegangen wird.

Sprachlich stimmt der Text darauf ein, dass Nahrungsmittel „garantiert“ gesund sind.

Absatz 2 Problematik

Hier wird ein Problem formuliert, das mit der Position des Gegners nicht mehr gelöst werden kann. Dabei funktioniert Wagenhofer als Pars pro Toto implizit für alle Gegner, auch wenn deren Positionen im Text nicht erwähnt sind. Es „ist ebenso wenig zu leugnen“ (Passivkonstruktion). Trotzdem wird hier immer noch das Gegnerargument (gefährliches Genfood) beibehalten, wenn auch abgeschwächt durch die Beistellung eines „Argumentes“ für Genfood (über 6 Mrd. Menschen). Dabei werden zwei Wirklichkeiten gegeneinander gestellt (als würde sich Bevölkerungswachstum und genfreies Essen ausschließen) – eine muss also anschließend verworfen, bzw. um-interpretiert werden. An dieser Stelle wird aber nicht geleugnet, dass Genfood problematisch ist, sondern es wird dem Argument ein gewisses Gewicht zugestanden.

Absatz 3 Die Überzeugung

Ein „Blick in die Praxis“ wirkt oft überzeugend, vor allem wenn er „erfolgreich“ ist. In diesem Abschnitt wird jetzt das Informationsdilemma des Lesers genutzt. Konnte er in den ersten beiden Abschnitten noch Allgemeinsätze lesen und diesen zustimmen, muss er jetzt darauf vertrauen, dass die folgenden Informationen ebenso der Wirklichkeit entsprechen wie zum Beispiel die Bevölkerungsgröße.

Konstruierte Wirklichkeiten:

  1. Syngenta als erfolgreiches Unternehmen: Syngenta ist eine reine Genfoodfabrik, die regelmäßig ihre CI verändert, um ein besseres Image zu bekommen. Syngenta setzt neben genetisch veränderten Lebensmitteln auch hochtoxische Pestizide ein. (Atrazin, das in den USA verboten werden soll und Paraquat, das vom EUGH zuletzt nicht zugelassen wurde)

  2. Unterscheidung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln und Modifikation. Diese Unterscheidung ist rein sprachlich und wir hier explizit gemacht, um beim Leser den Eindruck zu erwecken sehr genau zu unterscheiden – schlussendlich soll er aber die Formulierungen von Unternehmen wie Syngenta („modifiziert, Biotechnologie…“) übernehmen und akzeptieren. Die Ablehnung von Genfood kann aufrecht bleiben, solange er die lediglich sprachlich davon unterschiedenen „modifizierten Lebensmittel akzeptiert“

  3. Gentechnik ist sicher. Mit Referenz auf das BMBF wird die wissenschaftliche Sicherheit von Genfood sugeriert. Das es vor allem staatliche Wissenschaftler sind, die von einer Gentechnik-bejahenden Regierung bezahlt werden, wird ebenso verschwiegen, wie die Tatsache, dass es zahlreiche davon abweichende Expertenmeinungen gibt. Zum Beispiel bei Greenpeace. Deren Argument wird aber nur unpräzise angeführt, um es als Überleitung zu dem „besseren“ Argument zu nutzen. Die Unterstellung des Gegners wird oberflächlich aufgegriffen, um ihn grundsätzlich zu widerlegen.

Abschnitt 4 Versöhnliches Ende und Verführung

Der Abschnitt startet mit einem Gegenargument, dass wieder deutlich ins Schema des Common Sense und in die Wirklichkeit des Lesers passt. Es wird dezent abgeschwächt, ohne es zu entkräften, weil es eher dazu dient, die vorher angebrachten „Hard Facts“ glaubwürdig zu machen.

Einen Ausweg aus der Diktion des Textes bildet der letzte Satz. Eine abgedroschene Phrase als Ausweg für Autor und Leser, die sich auf zwei keineswegs wertneutrale Weisen deuten lässt:

Erste Ebene: Das Gerede vom besseren Geschmack unbehandelter Lebensmittel ist reines Imagegerede von Biobauern und Besserverdienern.

Oder auf einer zweiten Ebene: Nur schlechter Geschmack ist streitbar. Guter Geschmack ist eine Frage von Lebensstil, Einstellung und Bewusstsein. Und letzteres lässt sich auch sprachlich nicht überlisten. Den „Über Geschmack lässt sich streiten“ ist schlicht falsch, die Redewendung heißt „Über Geschmack lässt sich nicht streiten“. Das gilt nach sprachlicher Herkunft: „De gustibus non est disputandum“ und auch die Wissenschaft meint, dass der Geschmack eine Frage der, man staune, Gene ist.


17
Jan
09

R.I.P. Worte der Woche die leider nicht gesagt wurden

und die Psychologie der großen Seite

Das Zeit Magazin hat seine amüsante Rubrik „Worte der Woche, die leider nicht gesagt wurden“ ermordet. Schade drum.

Dafür gibt es jetzt, inclusive einer recht umfangreichen umbesetzung der Redaktion, „Gesellschaftskritik„. Feine Sache, aber der Einstand von Florian Illies zu Rachida Datis Weiblichkeit und deren Folgen ist etwas zu viel der Selbstbeweihräucherung. Hoffe, dass der Autor mit dieser Ausgabe sein umfangreiches Wissen unter Beweis gestellt hat ud ab der nächsten Folge etwas konzentrierter ans Thema geht. Sonst biette wieder die nicht gesagten Wörter:

„Als flamboyant lass ich mich gern bezeichnen, vielleicht hätte ich auch meine Tochter so nennen sollen?“

Rachida Dati über die neue Zeit-Gesellschaftskritik.

Themenwechsel – tabula rasa

Beim Lesen der ZEIT kam mir ein Gedanke: Die großen Seiten sind vor allem so wunderbar, weil sie den unbedingten  Eindruck erwecken, dass auf ihnen etwas steht, was  Sie und ich noch nicht wissen. Eine „Kleine Zeitung“ tut sich MIT dieser suggestiven Wirkung wahrscheinlich schwer.

Am Ende stimmt es wohl gar nicht, und wir wissen eh schon alles, aber das Lesen bringt es in eine Reihenfolge, verknüpft und ordnet es. GUT

Viel mir nur auf, heute morgen.

Bitte um Stellungname der mitlesenden Kognitionswissenschaftler…

21
Jul
08

Montag mit Helmut Schmidt

Es ist keine Kunst, sich einen Mann wie Helmut Schmidt zum Vorbild zu nehmen, es ist wohl eher ein Zeichen von Überheblichkeit es nicht zu tun. Deshalb werde ich meine Begeisterung etwas unterdrücken.

In der aktuellen ZEIT spricht Helmut Schmidt über Europa und schafft es, mich schon mit seiner ersten Antwort völlig umzuhauen:

Die Frage: „Lieber Herr Schmidt, fällt ihnen etwas ein, das Menschen heute noch für Europa begeistern könnte?“

ICH WÜRDE ZUNÄCHST DEM UNAUSGESPROCHENEN ANLIEGEN WIDERSPRECHEN WOLLEN, DASS ES WÜNSCHENSWERT SEI, DIE LEUTE FÜR EUROPA ZU BEGEISTERN

Die Weisheit dieses Satzes klärt sich nach kurzer Zwischenfrage: „Sonder?“

ICH MÖCHTE NICHT, DASS BÜRGER ODER PARLAMENTE AUS BEGEISTERUNG ZUSTIMMEN, SONDERN AUS VERNUNFTGRÜNDEN.

Es ist nicht schwer von diesen Sätzen begeistert zu sein. Sie bringen mit der Demut und Weisheit des Alters ein wünschenswertes Anliegen zum Ausdruck, was jeden Europäer, Politiker und Wähler zur Einsicht bringen kann/sollte/muss(?).

Zu Einsicht, nicht durch Zustimmung.

Ich kann Harald Schmidt nur zustimmen, denn er zählt trotz meines Zweifels am gesunden Kopf einer kranken Lunge zu den Geistern, die mir zum Charakter-Beispiel dienen sollen. Auch das ist keine Kunst, den Helmuth Schmidt zeigt seinen Altersscharfsinn jede Woche im Interview „AUF EINE ZIGARETTE MIT HELMUT SCHMIDT“. In DIE ZEIT(älteres Interview)

Seine Aussage: ICH MÖCHTE NICHT, DASS BÜRGER ODER PARLAMENTE AUS BEGEISERUNG ZUSTIMMEN, SONDERN AUS VERNUNFTGRÜNDEN.

ist für mich deshalb so bemerkenswert, weil sie die aktuelle Diskussion um ein Europa der zwei Geschwindigkeiten, um fehlende Begeisterung, um die Reaktion auf das Irische nein, um nationale Zuständigketen etc, mit einem klaren Apell an den Geist und das vernünftige Denken überdeckt.

Wie ruhiger, schwerer Schnee legt sich dieser Satz über die wilden Debatten der Gegenwart. Er sieht die Lösung der europäischen Krise nicht in den Gefühlen, sondern in dem was Europa ist: Eine intelektuelle Idee, die Idee einer „Abwesenheit von Kriegsangst“.

Und die Einsicht in die Notwendigkeit der Union, ist die Einsicht in die Notwendigkeit des Friedens.

Obwohl es umgekert wohl logischer wäre.

Seht den Wert des Friedens ein, dann wisst ihr wozu Europa gut ist.

So sagt es Helmut Schmidt nicht, aber so verstehe ich ihn. Helmut Schmidt sagt ICH MÖCHTE NICHT, DASS BÜRGER ODER PARLAMENTE AUS BEGEISERUNG ZUSTIMMEN, SONDERN AUS VERNUNFTGRÜNDEN.

Für alle Ösis, die Helmut Schmidt noch nicht näher kennen, empfiehlt sich eine Dokumentation aus dem letzten Jahr. Ich vermisse ja solche Köpfe wie ihn in der aktuellen Politik (vom alltäglichen Leben ganz zu schweigen)

Aber vielleicht wird man wirklich erst im Alter so gescheit. Oder merken es die anderen erst dann?

Der erste Teil des Portraits hier als Montagsvideo:

bemerkenswert auch zwei Artikel im Standard, und die meisten wissen, dass ich von dem Blatt nicht sehr angetan bin. Beide zu Europa, deshalb passt es hierher:

Jaja, die Gurkenkrümmung, Teil zwei einer überfälligen serie

Interview mit dem österreichischen Eu-Botschafter

@christian. nein, nicht via ;)

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