Es war ein bißchen zu viel der morbiden Themen in den letzten Tagen. Der wöchentliche Kaffeesatz zwang mich gleich doppelt über das Sterben nachzudenken, die ZEIT von letzter Woche hält mir fünfzig vorbildhafte Tote entgegen, der Kollege Klepej übertreibt seine Aufgeregheit mal wieder und erklärt die Europäische Union für gescheitert (=Tod) und im gerade gelesenen Kapitel von Vilém Flusser hieß es:
Die Bilder werden dann immer das gleiche zeigen und die Menschen immer das gleiche gezeigt bekommen wollen. Der Mantel der ewigen und unendlichen Langeweile wird sich über die Gesellschaft breiten. Sie wird in Entropie verfallen, und diesen heranrückenden Verfall können wir bereits konstatieren. Er äußerst sich in der Selbstlüsternheit der Empfänger: Es müssen immer neue Bilder her, weil alle Bilder längst dazu neigen, langweilig zu werden. Der Verkehr zwischen Bild und Mensch weist der Entropie zu, dem Tod entgegen.
Und das schlimmste: Ich kann noch nicht einmal voller Überzeugung dagegen schimpfen, dass es angeblich überall nur noch schlimmer wird und wir (bzw. Die ZEIT) unsere Vorbilder nur noch unter den Verstorbenen finden. Ist das die Herbstdepression? Lichtmangel führt ja zu vermehrten Melatoninausstoß und zu weniger Serotonin.
Saisonale Morbidität.
Das wäre noch zu ertragen, dann könnten wir einfach bis zum Frühling die Musik lauter drehen. Aber was wenn das alles nichts mit der Jahreszeit zu tun hat? Nehmen die Menschen deshalb so viele Drogen?
Ich wüsste wirklich gern einen fundierten Ausweg, aber Ernsthaftigkeit ist kein guter Ratgeber. Und Henry Miller auch nur Verdrängung. Bleibt, doch nur auf die von der ZEIT vorgeschlagenen „Vorbilder“ zu hören: Rosa Luxemburg:
Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja, heiter trotz alledem und alledem, denn das Heulen ist das Geschäft der Schwäche. Mensch sien heißt, sein ganzes Leben auf des Schicksals großer Waage freudig hinzuwerfen, wenn’s sein muß, sich zugleich aber an jedem hellen Tag und jeder schönen Wolke zu freuen …
Schade nur, das diese Heiterkeit laut Alice Bota „tief aus einer zerissenen, verletzten Seele“ kam. Dass bringt also auch nicht weiter.
Und deshalb lieber warten ohne zu erwarten. Erwartungen sind potentielle Enttäuschungen. Warten ist die Bereitschaft zum Glück. Ja, etwas das sein kann:
Eine bessere Welt, von der wir nicht wissen wie sie aussieht, aber für die wir alles tun. Vorbild sein, auch wenn niemand da ist, der sich eines an uns nimmt. Die Bilder ignorieren und verschwinden lassen – die Augen schließen um wieder sehen zu lernen. Über das Leben nachdenken, und nicht über den Tod.
Ein Illussion die uns fürs erste glücklicher macht, als alles was uns erwartet. Es bleibt ohne Zutun einfach alles liegen. Eine Enttäuschung, die nicht unsere ist, bleibt zurück. Und wir transportieren uns ohne Verlust, ohne zu wissen wo wir wie ankommen.




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